Kritik zu Drachenmädchen

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Viel Disziplin, viele Regeln und noch mehr Training: Inigo Westmeier porträtiert drei Schülerinnen der Shaolin-Tagou-Kung-Fu-Schule, die neben dem berühmten gleichnamigen Kloster liegt und als Geburtstätte des Kung Fu gilt

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In China weint man nicht. Nie. Egal, wie hart das Leben den Menschen mitspielt, weinen ist ein Zeichen von Schwäche und Individualität und das kann im Sinne der Volkssolidarität, nicht akzeptiert werden. Drachenmädchen zeigt auf erschreckende Weise, wie sich diese Maxime schon bei den ganz jungen Menschen eingeprägt hat. Der Dokumentarfilm des deutschen Regisseurs Inigo Westmeier folgt drei Mädchen im Alter zwischen neun und siebzehn Jahren in ihrem brutalen Regeln unterworfenen Alltag an der Kung-Fu-Schule in Shaolin.

Die Schule ist in der Tat nichts für zarte Seelen. Der Film beobachtet die Kinder bei ihren Routinen in der Schule, beim Training und dem morgendlichen Appell. Zwischendurch berichten die Mädchen von ihren Träumen und Sehnsüchten, ihren Schmerzen und Hoffnungen. Und dass sie sich zum Weinen in die Abstellkammer zurückziehen, wenn alle schlafen. Dieses Thema zieht sich durch den ganzen Film, als Synonym für eine Gesellschaft, die keine Gefühle zuzulassen bereit ist und in der Mädchen nur eine Chance haben, wenn sie die Jahre auf der Schule überstehen. 26.000 Kinder werden in Shaolin gedrillt und zu kollektivem Gehorsam erzogen. Der Tag besteht ausschließlich aus Training und Schule, einmal im Jahr dürfen die Kinder nach Hause fahren, das meist sehr weit weg liegt.

Seinen drei Protagonistinnen folgt der Film dahin und in den wenigen Einstellungen der Mädchen mit ihren Familien spürt der Zuschauer die emotionale Distanz, die zwischen den Generationen herrscht. Die Kinder können sich nur über ihre Leistung Anerkennung erkämpfen. Der Vater kommt seine Tochter Xin Chenxi nur besuchen, wenn sie im Wettkampf den ersten Platz belegt. Ihre erreichten zweiten und vierten Plätze zählen nicht. Sie selber hat dieses Prinzip bereits mit ihren neun Jahren vollständig verinnerlicht und akzeptiert. Wenn sie nicht gut ist, verdient sie Papas Liebe eben nicht. Anders geht die älteste der porträtierten Mädchen mit dem Druck um, sie ist die Einzige, die diesem Drill zu entfliehen versucht.

Der packende Dokumentarfilm bewertet und kommentiert nicht, sondern lässt den Beobachter selber einen Standpunkt finden. Als Kontrast zeigt Westmeier die Shaolin-Mönche, die gleich neben der Schule in ihrem traditionsreichen Kloster leben und die mit ihrer Kung-Fu-Ausbildung die Suche nach Transzendenz und Glauben vermitteln. Dieses Zwiegespräch zwischen Rektor und Mönch ist denn auch sehr spannend und offenbart den tiefen Graben, der beide Ansichten trennt. Wir erleben in diesem Film einen Mikrokosmos der chinesischen Gesellschaft. Die Regeln der Schule spiegeln die kollektiven Gesetze der chinesischen Politik wieder, und wer sich dem widersetzt, wird bestraft. So werden die Kinder fit gemacht für eine Gesellschaft, die ausschließlich diktatorisch gelenkt wird. Und wenn das Fazit der kleinen Xin Chenxi heißt: »Kindheit bedeutet, an Feiertagen ist man glücklicher«, fasst sie damit zugleich die ganze Tragödie ihres jungen Lebens zusammen. Der Film zeigt dies auf eindringliche Weise, ohne uns jedoch manipulativ an die Hand zu nehmen.

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