Kritik zu Die vergessene Armee

© Salzgeber

2016
Original-Titel: 
Die vergessene Armee
Filmstart in Deutschland: 
08.06.2017
L: 
88 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Fremd im eigenen Land: Die Regisseurin Signe Astrup spricht in ihrer Doku mit Menschen, deren Sympathie für die DDR weit über eine Ostalgie hinausgeht

Bewertung: 2
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Sehr schnell setzt dieser Film den Ton. Ein älteres Ehepaar in einer eher klein wirkenden Wohnung. Er schaut in die Kamera und sagt, »dass es keinen besseren Staat als die DDR gab«. Später wird sie noch einmal erklären: »Die Bevölkerung hat die DDR verraten.« Damit ist das Jahr 1989 gemeint. Und ein anderer wird gegen Ende des Films den 9. November noch einmal zum Tag der »Kapitulation« erklären. »1989, da haben wir geschlafen. Da haben wir 'ne Horde Verbrecher reingelassen, die jetzt das Sagen haben.«

Sicher ist es ein Verdienst der in Berlin lebenden dänischen Regisseurin Signe Astrup, solche Menschen zum Sprechen gebracht zu haben. Menschen, deren Weltbild vor fast drei Jahrzehnten zerbrochen ist, die sich mit dem System identifiziert haben und immer noch nicht wahrhaben wollen, dass die DDR Ende der achtziger Jahre wirtschaftlich und politisch am Ende war. Je mehr man sich von etwas entfernt, desto mehr verstärkt es sich.

Gleichzeitig gibt dieser Film aber wenig Aufschluss darüber, was die Protagonisten zu solch einem Schulterschluss mit der untergegangenen Gesellschaft DDR bewegt. Bei den ehemaligen Soldaten der Nationalen Volksarmee (das war die Streitmacht mit den ganz besonders hässlichen Stahlhelmen) kann man ja noch auf so etwas wie ein verlorenes Gemeinschaftsgefühl tippen. Tatsächlich zeigt der Film Männer bei der NVA-Traditionspflege, zum Beispiel beim Exerzieren – wahrscheinlich der gleiche Militarismuswahnsinn, der auch die Kameradschaftsverbände der Nazi-Wehrmacht angetrieben hat.

Aber es sind ja beileibe nicht nur die NVA-Veteranen, die in diesem Film zu Wort kommen. Ein Volkspolizist ist dabei, ein ehemaliger Wachoffizier in einem Untersuchungsgefängnis der Stasi, alles Funktionsträger, die für das reibungslose Funktionieren des Staates zu sorgen hatten. Astrup fragt wenig nach, zu wenig, so hat man manchmal den Eindruck. Und dass es Menschen gibt, die in der Bundesrepublik nicht wirklich angekommen sind, ist auch keine wirklich neue Erkenntnis.

Meinung zum Thema

Kommentare

Sehr geehrter Herr Rudolf Worschech,

ihre Filmkritik lässt die oft angetroffene oberflächliche Ansicht erkennen, die wir und damit meine ich mich auch selber, bei Menschen aus der westlich geprägten Welt als Vorurteil vermuten. Ganz so einfach ist die Problematik und die durch sie beeinflusste Individualität dann aber doch nicht.
Ich kann natürlich nur für mich sprechen, aber ich sehe da sehr fiel mehr Hintergründe als Sie. Aus der Position eines gesellschaftspolitischen Siegers betrachtet werden Sie die Gründe für die Ostalgie der einstigen NVA Angehörigen nicht ergründen, denn damit bedienen Sie dann auch bloß Ihr eigenes verinnerlichtes ideologisches Standbild.
Es wird Ihnen verborgen bleiben, dass sich die Angehörigen der Bewaffneten Organe der DDR mit einer höheren militärpolitischen Moral identifizieren, die diese als Dogma ansehen um Kriege zu verhindern! Auch unter dem durchaus gerechtfertigten Einwand, dass die Ausbildung in der NVA bis Mitte der 80 Jahre mehr offensiv als defensiv durchgeführt wurde, bleibt dieser Grundsatz der Friedenssicherung für uns bestehen!
Die sehr harte und realitätsnahe Ausbildung in der NVA die im Westen immer als Aggression dargestellt wurde, folgte der unausweichlichen Logik im Sinne einer effizienten Abschreckung gegenüber dem in der NATO gebundenen Westen. Denn eins sollte man unbedingt erkennen, neben einer vernünftigen Außenpolitik die von gegenseitigem Respekt und gerechter Interessenvertretung geprägt sein muss, ist der zweite Pfeiler der Friedenssicherung ein effizienter Schutz mittels einer glaubhafte Abschreckung! Insofern ist die präventive Offensivfähigkeit der NVA im Bund mit den Staaten des Warschauer Vertrages jener Verteidigungslogik folgend zu betrachten und diente nicht einer vorgeworfenen kommunistisch angestrebten Welteroberung. Das die NVA diesem Anspruch absolut gerecht wurde ist sogar seitens der Bundesregierung und von Repräsentanten innerhalb der Bundeswehr unstrittig und wird auch in diesem Sinn publiziert.
Die im Dokumentarfilm betrachteten Personen repräsentieren vielfach eine unübersehbare Staatsnähe zur DDR , doch diese dürfte nun wirklich niemanden verwundern, denn das Militär ist ein Machtinstrument der politisch Regierenden in allen Staaten der Welt! Damit wird die militärisch erkennbare Realität das Ergebnis einer gewollten Politik mit militärischen Mitteln. Das gilt auch für die Armee der BRD. Die Bundeswehr darf sich also gerne Parlamentsarmee nennen, grundsätzlich unterliegt diese aber auch nur den Forderungen der aktuellen Politik und damit der politischen Macht! Auch in der Bundeswehr wird eine loyale Verbundenheit zum Staat BRD erwartet und damit natürlich auch zu der jeweiligen Regierung.
In diesem Zusammenhang sei noch erwähnt, dass längst nicht alle in diesem Film repräsentierten Personen Berufssoldaten der NVA bzw. vergleichbarer Staatsorgane der DDR waren, sondern diese mögen geschätzt zwei Drittel der Benannten ausmachen. Nein es sind vergleichbar viele einfache Soldaten und Soldaten auf Zeit, bzw. Unteroffiziere auf Zeit mit vertreten und dass stellt Ihr beabsichtigtes Bild damit in Frage! Es handelt sich bei den erkennbaren Personen nicht nur um elitäre Parteiläufer der SED, nein es sind nicht wenige der durchschnittlichen Bevölkerung der DDR ebenfalls auf ihren Dienst in der NVA stolz. Das Sie bei einem Berufssoldaten der NVA jene Verbundenheit zur Politik der DDR erwarten ist auch für mich begründet, aber dass sich ein respektabler Teil der Mannschaften auch dazu bekennt, stellt Ihre beabsichtigte Wiedergabe zumindest in Frage!
Die Mehrheit der Personen die sie Herr Worschech in ihrer Kritik „ungünstig“ darstellen, sind überhaupt nicht der Ansicht wie jener Offizier im Film der da sinngemäß äußert, dass wir im Jahr 1989 einer Horde Verbrechern die Tore in die DDR geöffnet haben, denn dass wissen sogar wir, jener Vorgang wurde sehr viel früher und von ganz Anderen ermöglicht. Die politischen Vertreter der Sowjetunion hatten die DDR auf die Welt gebracht und mit der zunehmenden Unfähigkeit die wirtschaftlich auftretenden Probleme nachhaltig zu lösen begann der Ruin des gesamten von Moskau gesteuerten Systems. Der kritiklose Machtanspruch der jeweiligen Staatsparteien im sozialistischen Lager, welcher ja fälschlicher Weise die Widerspruchslosigkeit entgegen dem fixiertem Passus der jeweiligen Parteistatuten einforderte, war der Schlüssel zu den Einfallstoren in die DDR und den gesamten Ostblock. Das würden Sie Herr Worschech von der Mehrheit der verunglimpften Betroffenen zu hören bekommen, sicher mit anderen Worten aber vergleichbarem Inhalt!
Natürlich identifizieren wir uns mit den sozialen Vorteilen in der sozialistischen Gesellschaft der DDR. Und damit treffen wir den Kern der politisch zu erklärenden Hintergründe jener von uns.
Sie nennen uns mit den Gruppen der Wehrmachtanhänger und Militaristen von gestern in einem Satz. Zeugt das von einer naiv, dumm ausgerichteten westlicher Arroganz der vorübergehenden Sieger einer politischen Epoche? Wir sind von deren dauerhaften Bestand mehrheitlich nicht überzeugt und somit in grundsätzlicher Kritik zu dem heute bestehenden gesellschaftlichen Staatsverhältnis der BRD. Wir haben also durchaus etwas gelernt und sind nicht die vermeintlichen Gestrigen, sondern der Stachel im Bewusstsein der Heutigen im Bezug auf ein angestrebtes Morgen!
Das wir auf eine Politik stolz sind, die wenigstens Europa einen 40 Jahre andauernden Frieden sicherte, will ich unbedingt betonen! Das die NVA zu keinem Zeitpunkt ihres Bestehens einen Soldaten im Ausland mit einer Waffe oder einem Waffensystem kämpfend eingesetzt hat ist auch ein belegbarer Fakt, der sich auch nicht durch Aufzählungen von Militärausbildern der NVA im sympathisierenden Ausland der DDR widerlegen lässt!
Wer könnte heute vergleichbares von der Bundeswehr der BRD sagen? Ja natürlich der Bundestag hat auf Beschluss und Anforderung der Bundesregierung die Bundeswehr in zahlreicher Kriege geschickt. Aber genau dass ist eben der Springende Punkt, die Vertreter der heutigen Macht in der BRD wollen Kriege führen zur Erreichung politischer, treffender gesagt wirtschaftlicher Ziele! Die BRD wird weder in Mali noch in Afghanistan militärisch beschützt, weil damit lediglich politische Interessen realisiert, nicht aber das Volk der BRD geschützt werden. Der Unterschied zwischen den Interessen des Volkes der BRD und der des Staates BRD, also besser gesagt die der Machtvertreter des Staates BRD, könnte nicht entgegengesetzter sein!
Wie kann es Sie somit wundern, dass so viele Soldaten der NVA auf ihren Dienst in der NVA stolz sind und sich zu ihrem Staat DDR bekennen, der grundsätzlich Kriege als Mittel der Politik gegenüber andern Staaten ablehnte?

Ich kann den Zeilen vom Herrn Sauerzapf nur zustimmen! Für mich war die DDR nämlich auch "mein Ding" und es war mir eine Ehre als Unteroffizier auf Zeit zurück zu geben, was ich als "Vorleistung" von meinem sozialistischen Staat bekommen habe. Und zwar in Form einer glücklichen, behüteten Kindheit ohne Not und Konsumzwängen. Nach meiner Dienstzeit ging mein Land erneut in Vorleistung und ermöglichte mir im Rahmen einer Erwachsenenqualifizierung ein kostenloses Fachschulstudium, was mich wie der Dienst bei den bewaffneten Organen auch nicht dümmer machte. Es ist doch keinesfalls so, dass wir keinen Blick für die Unzulänglichkeiten in der DDR und deren Armee hatten. Den hatten wir! Die Lösung konnte aber nicht lauten, uns einem verbrecherischen System zu ergeben, in dem alle guten Ansätze die unsere DDR nicht zur Vollkommenheit erbrachte, auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen! Das wir in gewisser Form "gezwungener Maßen" nicht selbst in ausreichender Form an der Veränderung mitwirkten, mag ein Schuldeingeständnis sein. Zugleich jedoch eine ganz wichtige Lehre! Sie als "Filmkritiker" brauchen nicht darauf hinzuweisen, dass die Macherin des Films "zuwenig zu Kommentieren hatte" genau dies macht diesen handwerklich nicht gerade überragenden Film in einer besonderen Hinsicht wieder gut! Sie hat nämlich ihre Darsteller erzählen lassen, ohne in Kommentaren das Erzählte zu verfälschen, evtl. lächerlich zu machen, oder in gewohnter Art kaputt zu kommentieren. Die Darsteller sind nämlich im Film die "Experten" und nicht außenstehende "Dilettanten" die ihren von Denkfehlern übersäten Senf dazu geben wollen. Es gibt nämlich eine ganz wichtige Tradition der NVA fortzuführen, welche sich darin begründet, alles militärische zu tun den Frieden zu bewahren, um nicht in einen Krieg ziehen zu müssen! Mir ist natürlich klar, dass ihnen dazu die Argumente fehlen. Um so mehr spielen für Sie ja die "Stasi-Schurken" und die vielen Eseleien eine Rolle, die in der DDR gemacht wurden. Es tut mir ja Leid es so sagen zu müssen, aber "umdrehen" lassen wir uns damit bestimmt nicht.

Also in der Doku ist weder ein einfacher Soldat oder Gefreiter zu Wort gekommen und ich glaube da hatten alle beteiligten Protagonisten Glück gehabt denn diese Realitätsferne der Offiziere die 89 schon die ehemalige Regierung der DDR besaß wird hier weiterhin zur Schau gestellt. Ich war selber Berufsunteroffizier in Strausbergund habe Tag täglich erleben können wie die einfachen Soldaten über Berufssoldaten aller Dienstgrade gedacht haben, das ging von angewidert sein,Abscheu,Hass und Wut über gestohlene Lebenszeit. Aber die Nostalgie verklärt gern die Realitäten des Alltags in der NVA, ich habe viel erlebt und muss einfach nur den Kopf schütteln wenn ich solche sogenannten Dokumentationen sehe. Aber alles gut, es soll jeder in der Realität leben mit der er am besten klar kommt.

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