Kritik zu Die Schimmelreiter

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Hier reitet kein Deichgraf im Sturmwind, sondern hier sind zwei Lebensmittelkontrolleure auf Schmutz- und Selbstfindungstour im Gebiet zwischen Elbe und Nord-Ostsee-Kanal unterwegs

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Ein Landstrich, dessen Reiz einzig durch Imbissbuden markiert wird: Dort sorgt Herr Fuchs (Peter Jordan) mit Nachdruck, aber auch mit Nachsicht für die Einhaltung der amtlichen Hygieneverordnung bei diversen Asia-Lokalen, Hähnchengrills und Buletten- Ständen. Gern würde Fuchs als imposanter Lebensmittelkontrolleur nach Hamburg versetzt werden, aber sein Chef will erst mal von ihm eine Gefälligkeit: Er soll seinen von einer Lebenskrise gebeutelten Bruder Tilmann (Axel Prahl) einige Tage bei sich aufnehmen. Dieser Tilmann – ein vulgärer, selbstzerstörerisch gestimmter Zeitgenosse, der ausgiebig Pillen, Drogen und Alkohol konsumiert – tanzt bei dem linkischen Fuchs an, begleitet ihn bei der Kontrolltour und mischt sich großmäulig in alles ein: kassiert bei verängstigten Kleingastronomen Bußgelder ab und steckt sie kurzerhand in die eigene Tasche. Die Beziehungen zwischen Fuchs und Tilmann gestalten sich also äußerst konfliktträchtig.

Als Story-Idee hört sich das nicht schlecht an. Ein Roadmovie, bei dem genregemäß zwei gegensätzliche Typen auf einen Trip geschickt werden, um dabei einen Selbstfindungsoder Selbstläuterungsprozess durchzumachen. Der Schüchterne darf wagemutig werden Der egozentrische Chaot bezieht Prügel und wird nachdenklich. Schade, dass Regisseur Lars Jessen für die Umsetzung dieser Idee nur Klischees und Kalauer parat hat. Weder bei der Figurenzeichnung noch bei der Story-Führung findet er kohärente Linien, stimmige Gestalten. Alles wird fatal und hilflos verjuxt. Jessen kann die Erzählung weder zur turbulenten Farce formen noch zur realistischen Charakter-Komödie. In seiner Regie ist nur eines erkennbar: ein willkürlich hin und her springender Wille zum Skurrilen.

Wenn die Fuchs-Figur als Rockabilly-Fan mit Schmalzlocke präsentiert wird, dient das lediglich als Signal von Exzentrik – ohne weiteren Bezug zum Charakterbild. Vollends daneben gerät die Figur Tilmanns, deren inneres Drama keine Chance hat, hinter einer gnadenlos ausagierten »Prahl-der-Proll«-Attitüde sichtbar zu werden.

Seit einiger Zeit gibt es bei deutschen Kino- und Fernsehfilmen – bis hinein in aktuelle »Tatort«-Krimis – diese merkwürdige Tendenz zum Skurrilen. Da werden Außenseiterfigu- ren auf ihren Kauzigkeits-Faktor reduziert und um die gesellschaftliche Dimension ihres Freiheitsverlangens betrogen. Als sei der Wunsch, der Mainstream-Normalität zu entrinnen, von vornherein ein putziger Scherz. Ähnlich wie die Beziehungskomödien der achtziger Jahre gescheiterte Emanzipationen verwitzelten, verkalauern heutige Skurril- Komödien die aktuellen Sehnsüchte nach Autonomie und Freiheit.

In diese Tendenz hat sich Lars Jessen mit seinen Filmen eingeschrieben: zuerst mit der noch leidlich amüsanten Öko-Kommunen-Komödie »Am Tag als Bobby Ewing starb«, dann mit »Dorfpunks«, wo die nonkonformen »Helden« derart hölzern, lieblos und unglaubwürdig gezeichnet sind, dass sie keinen Funken von Interesse entzünden können. Geradeso trostlos ist das nun auch bei dem »Schimmelreiter«-Duo.

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