Kritik zu Die Rüden

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Von wegen bester Freund des Menschen: Connie Walthers Spielfilm konfrontiert jugendliche Gewaltkriminelle mit aggressiven Hunden

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Am Anfang war ein Hund. Jahrelang teilte die Regisseurin Connie Walther ihr Reiseleben mit einem unkastrierten Rüden, der sie viel über Aggressionsimpulse lehrte. Mit dem vierbeinigen Macho an ihrer Seite begegnete sie Nadin Matthews, einem Star der deutschen Psychotherapieszene für Mensch und Hund. In ihrer Schule geht es um Hundetraining und stimmige Beziehungsberatung, darüber hinaus um die Frage, wie Hunde – gerade die gefährlichen Antitypen zum gängigen Kuscheltierklischee – in der Arbeit mit gewalttätigen Kriminellen eingesetzt werden können. 

Am Ende entstand aus Walthers Faszination für den Ansatz von Nadin Matthews der Spielfilm »Die Rüden«, kein Vademecum zum Thema Deeskalationsstrategie, sondern eine dunkle Allegorie auf die Triebdynamik aggressiver Maskulinität. 

Grundlage ist die Beobachtung, dass die Beißwut aggressiver Hunde zwar auf Traumata zurückzuführen ist, ihre ursprünglichen Impulse bei Futterneid, Revier- und Rangkämpfen jedoch zum sozialen Verhaltensrepertoire der Gattung gehören. Da sehen die Expertin und Walther Parallelen. Machtvolle Körpersprache anstelle sublimierter rhetorischer Konfliktbewältigung spiegle sich auch in der archaischen Aggression junger Männer wider, die die Statistik der Gewaltverbrechen anführen, aber auch Täter und Opfer zugleich sind.

Identifikatorische Erfolgsgeschichten des Ausstiegs aus der Gewalt interessieren beide Frauen nicht, vielmehr dreht sich der Film um eine visuell-akustische Beschwörung, den ritualisierten Kampf zwischen Gut und Böse, Aktivität und Passivität, Gewalt und Schmerz, dessen Horizont einer religiösen Selbsterfahrung gleicht: Junge Gewalttäter erleben eine Initiation, die helfen soll, beide Pole in der Balance zu halten. 

Vier junge Gewaltkriminelle, nach verbüßter Strafe gecastet, konfrontiert das Setting mit drei aggressiven Hunden. Zwischen den Männern in weißen Overalls und den angeleinten, mit eisernen Maulkörben versehenen Hunden die Trainerin Lu Feuerbach (Nadin Matthews), eine androgyne, großflächig tätowierte Frau in Punkoutfit. Zwischentitel skizzieren die Gewaltbiografien, die der Hunde schlüssig, die der Männer verkürzt, ohne psychologischen individuellen Hintergrund. 

Beginn und Ende des Films simulieren in schwarzblauen Bildern einer Gesteinswüste eine Art Urszene der Genesis, ein kristallklarer Musikscore unterstreicht die surreale Szenerie. Wie im alttestamentarischen Kampf Jakobs mit dem Engel, der Gott oder/und Dämon sein kann, deuten Lu und ein Flügelwesen die Choreografie eines umarmenden Ringkampfs an.

Ort ist eine Arena, das Herz der Finsternis, beobachtet von einem Therapeutenpaar in Eremitenornat, das das Strafsystem verkörpert und die Männer mit fordernder Sozialpsychologie demütigt, bis sie ausrasten. Anders die angstlose Trainerin, die sie lehrt, die Hunde und ihre spontanen Angriffe auszuhalten. Connie Walther wagt es, den naturalistischen Einheitsbrei deutscher Filme hinter sich zu lassen. Ihr Blick auf maskuline Reiz-/Reaktionsmuster fordert heraus, wenn auch ihr Experiment als spekulative Kopfgeburt in Erinnerung bleibt.

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