Kritik zu Die Insel der besonderen Kinder

© 20th Century Fox

2016
Original-Titel: 
Miss Peregrine's Home for Peculiar Children
Filmstart in Deutschland: 
06.10.2016
L: 
127 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Zeitschleifen und außerordentliche Begabungen: Tim Burton verfilmt den Fantasyroman von Ransom Riggs als Mischung zwischen »Harry Potter« und »X-Men«

Bewertung: 4
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Der schüchterne Jacob durchlebt in einer amerikanischen Kleinstadt die Frustrationen eines durchschnittlichen Teenagers. Seine einzige Bezugsperson ist der schrullige Großvater Abraham, der dem Enkel von Kindesbeinen an skurrile Schauergeschichten von einer Insel erzählte, auf der Kinder mit besonderen Begabungen leben. Von einem Mädchen, die das Gesetz der Schwerkraft außer Kraft gesetzt hat, und einem Jungen, der mit einem Bienenschwarm in seinem Körper lebt. Der Alte, so vermutet man, ist ein Holocaust-Überlebender, der mit diesen eigenwilligen Moritaten seine Traumata bewältigt.

Der mysteriöse Tod Abrahams verstört Jacob so sehr, dass die Psychologin dem Vater rät, mit dem Jungen nach England zu reisen, um die Geschichten des Opas zu überprüfen. Therapeutisch gesehen ist diese Empfehlung problematisch, doch filmisch funktioniert der Ortswechsel bestens. Der visuelle Kontrast zwischen horizontalen amerikanischen Häusern und der stilvoll verwitterten Ruine eines englischen Landhauses bebildert eine ganz eigene Zeitreise. Auf unerklärliche Weise findet Jacob sich im Jahr 1943 wieder. Unterstützt durch die sinnvoll eingesetzte 3D-Perspektive, erscheint das Landhaus nun perfekt gepflegt. Und: Es beherbergt tatsächlich jene Kinder mit den magischen Fähigkeiten – die Geschichten des Großvaters sind also wahr!

Was nach einer Mischung aus »Harry Potter« und »X-Men« klingt, ist der gelungenste Tim-Burton-Film seit langem. Wie »Willy Wonkas Schokoladenfabrik« die orale Phase mit all ihren Tücken verewigte, so stecken auch die »besondern Kinder« in einer prekären Zeitschleife. Auf die Sekunde genau erleben sie die Zerstörung ihres Heims durch deutsche Bomber im Jahr 1943 wieder. Das Aufziehen der Gasmaske ist allerdings eine besondere Gaudi. Miss Peregrine, ihre umsichtige Beschützerin, hält jeweils unmittelbar vor der Katastrophe die Zeit an. Wie das täglich grüßende Murmeltier kehren die Bomben aber bald wieder zurück. Damit nichts schiefgeht, ist Pünktlichkeit die höchste Tugend in dieser repetitiven Welt, in der Kinder ihre Lieblingsspiele ewig fortsetzen.

Die Vorlage stammt von Ransom Riggs, der sich von einem Panoptikum seltsamer Kinderfotos inspirieren ließ, die er auf Flohmärkten sammelte. Tim Burton hat diese an Tod Brownings »Freaks« erinnernden Bilder auf seine unverwechselbare Art, die fiesen Horror mit infantilen Phantasien verknüpft, zum Leben erweckt. Samuel L. Jackson spielt einen hinreißenden Fiesling, der nach gescheitertem Experiment zum Monster wurde. Nur durch das Verspeisen der Augen jener besonderen Kinder kann er sich rehumanisieren. Die an E.T.A. Hoffmanns »Sandmann« erinnernde Fantasie erweist sich als Augenschmaus im doppelten Sinn. Dank ausdrucksstarker Kindergesichter gelingt Burton eine niedliche, böse und ein wenig perverse Mixtur aus Fantasy, Horror und anrührender Coming-of-Age-Geschichte. Für Kinder eher ungeeignet.

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