Kritik zu Die Familie

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Mindestens 169 Menschen sind bei dem Versuch, die Mauer zu überwinden, die DDR und BRD in den Jahren 1961–1989 voneinander trennte, umgekommen. Stefan Weinerts Dokumentarfilm zeigt, wie unbewältigt diese Vergangenheit ist

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Dann war die Schusswaffe zu führen, um die Unverletzlichkeit der Grenze zu schützen. Der Schutz der Grenze war wichtiger als das Leben der Menschen, die in diesen Grenzen gelebt haben.« So Bernhard Jahntz bei dem Versuch, die Beweggründe der Mauerschützen zu fassen. Jahntz war 1990 der zuständige Staatsanwalt beim Prozess über die Verbrechen an der innerdeutschen Grenze, und man merkt ihm noch heute die Verzweiflung darüber an, dass keiner der Verantwortlichen für den Schießbefehl tatsächlich zur Rechenschaft gezogen wurde. Nur ist das ebenso wenig zur Zufriedenheit der Opfer geschehen, wie das Strafmaß für die Mauerschützen ausreicht, die Toten zu sühnen. Opfer sind nicht nur die zu Tode Gekommenen, Opfer sind bis heute die Angehörigen, die in dem ergreifenden Dokumentarfilm von Stefan Weinert zu Wort kommen.

Weinert hat acht Angehörige befragt und begleitet, die Söhne, Brüder oder Väter verloren haben. Der rationalen Rhetorik des Staatsanwalts, der spät im Film zu Wort kommt, steht das emotionale Ringen der Betroffenen gegenüber, oft die Sprachlosigkeit, manchmal die schiere Wut – bis heute. Bis heute weiß die Mutter von Michael Bittner nicht, wo ihr Sohn begraben ist, es gibt keine Urne, keinen Totenschein, nichts. Man wollte ihr damals weismachen, ihr Sohn sei ein Menschenschleuser. Mutter Bittner hat grausame Fantasien, wie sie den Todesschützen quälen könnte. Einer Ehefrau und Mutter ertrank der Mann beim Versuch, über die Grenze zu schwimmen. Bis heute ein Mysterium – hätte er, ohne sich zu verabschieden, Frau und Kind verlassen? Mit dem Kamerateam geht sie das erste Mal an die Stelle des Ufers, wo ihr Mann gefunden wurde. Weinert gelingt es, die Menschen in ihren tiefsten Empfindungen mit der Kamera zu begleiten, er wird nie voyeuristisch.

Die Ungewissheit über die Tathergänge und Verfälschungen der Akten, die nicht rekonstruiert werden können, sind für die meisten eine weitere tiefe Demütigung und ein Trauma, das niemand bewältigen kann. Das mag der Grund gewesen sein, weshalb Weinert Schwierigkeiten hatte, überhaupt Betroffene zu finden, die sich interviewen ließen. Denn sie fühlen sich stigmatisiert und haben das Vertrauen sowohl in die Öffentlichkeit als auch in die Justiz verloren. Waren sie damals ihrer Arbeit und sozialer Zusammenhänge beraubt, erlitten sie mit den Mauerprozessen eine weitere Niederlage. »Zwei Jahre auf Bewährung als Todesschütze, das ist doch was!?«, meint die Mutter von Mischa. Das muss sie sich selbst einreden.

Natürlich ließ sich kein Mauerschütze sprechen, umso erstaunlicher die Tatsache, dass einer der Söhne zum Mörder seines Vaters fährt und wir dem Gespräch lauschen. Da fallen Sätze, die alles über die verquere opportunistische deutsche Seele offenbaren und kaum zu fassen sind. Ein Film, so wichtig wie aufrüttelnd und so entlarvend, wie die Prozesse es hätten sein sollen.

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