Kritik zu Die defekte Katze

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In ihrem Drama um ein in Deutschland lebendes iranisches Paar, das sich auf eine arrangierte Ehe einlässt, erzählt Regisseurin Susan Gordanshekan von den Schwierigkeiten, kulturelle Grenzen zu überwinden

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Defekt sei sie, sagt Mina, als sie die strubbelige, unglaublich hässliche Katze aus ihrem Karton holt und sie dem ungläubig dreinblickenden Kian vor die Nase hält. »Du meinst, sie hat einen Gendefekt«, antwortet der ambitionierte junge Arzt, und beide lächeln. Doch das etwas gezwungene Arrangement – er mag eigentlich keine Katzen – wird schon bald zum zentralen Pr­oblem. Die defekte Katze wird die junge Ehe auf den Prüfstand stellen. Sie wird in der Nacht maunzen wie ein Kind, Kians Hemden zerfetzen und auf die Kissen pinkeln. Sie wird ihre Langeweile zum Ausdruck bringen und damit zum Platzhalter für die unglückliche Mina, die, frisch aus dem Iran, mit nur geringen Deutschkenntnissen, eine Jobabsage nach der anderen bekommt. »Ausländische Zertifikate zählen hier nicht«, sagt ihr Mann und fügt hinzu, dass er sich auf eine Oberarztstelle beworben hat. 

Minas und Kians Ehe wurde im Iran arrangiert. Nicht zwanghaft, sondern weil beide, Mitte dreißig, nicht länger suchen wollten. Mina hatte ein heimliches Verhältnis mit einem verheirateten Mann, Kian ist die Blind-Dates in Deutschland leid. Beide entscheiden sich für die Tradition und damit füreinander, obwohl sie die große Liebe nicht spüren. So wollten es die Eltern, und die Kinder sind einander auch nicht abgeneigt. Sex ist erst mal schwierig, aber mit wachsender Vertrautheit klappt auch das. Mina geht schwimmen, tanzen und legt ihre Hemmungen ab. Kian bleibt gewissenhaft und erfolgsorientiert. Die Zukunft scheint den beiden offenzustehen. Doch mit dem Auftauchen der gendefekten Katze, die sich zur Züchtung nicht eignet, kommen die Konflikte. Mina küsst einen anderen Mann, Kian sperrt sie daraufhin ein.

Jenseits des Klischees orientalischer Gewalt in der Ehe inszeniert Susan Gordanshekan ein Ehedrama in einem fremd-vertrauten Land. Ihre Eltern hätten auf dieselbe Art geheiratet, erzählt sie. Ihr Vater, der zum Medizinstudium nach Deutschland kam, habe hier einfach keine Frau gefunden. Das habe sie veranlasst, über die Schwierigkeiten einer solchen Ehe nachzudenken. Aber nicht weil sie Geschlechterverhältnisse interessierten, sondern eher das Leben zwischen den Kulturen ganz allgemein. Das beginnt beim Einkaufen und endet in den Tanzlokalen noch lange nicht. Der Bikini, den Mina im Hallenbad trägt, ist ein Zugeständnis an die andere Kultur, das außer ihren Freundinnen im Iran, mit denen sie noch regeläßig skypt, keiner als solches erkennt. Es sind Momente wie dieser, die aus dem Melodram einen Kunstfilm machen.

Pegah Ferydoni spielt die vielleicht etwas zu schöne Mina. Die gebürtige Iranerin kam mit zwei Jahren nach Deutschland und wurde als strenggläubige Muslima neben Elyas M'Barek in »Türkisch für Anfänger« bekannt. Hier zeigt sie, die nie eine Schauspielschule besucht hat, was sie kann. Ihr verunsicherter Blick bestimmt die wortkargen Szenen, ihr offenes Lächeln die Hoffnung auf ein gutes Ende. Selbst wenn der etwas surreale Schluss keine Eindeutigkeit zulässt, ist hier ein ganz anderer Ehefilm entstanden.

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