Kritik zu Der Ornithologe

© Salzgeber

Ein Ornithologe verwandelt sich nach und nach in einen Wiedergänger des heiligen Antonius von Padua: João Pedro Rodrigues’ fünfter Spielfilm ist ein zutiefst poetisches Glaubensbekenntnis eines radikalen Künstlers, der die Welt nach seinen eigenen Vorstellungen formt

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Fernando lässt sich treiben, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Selbst als er mit einem Kajak im Norden Portugals unterwegs ist, geht sein Blick fast immer nur zum Himmel. Der Flug der Vögel ist dem Ornithologen wichtiger als der Lauf des Flusses. So gerät er unvorbereitet in Stromschnellen und verliert die Kontrolle. Sein Kajak überschlägt sich und kentert. Fernando selbst wird ans Ufer gespült und bleibt im seichten Wasser liegen. Dort finden ihn zwei junge chinesische Pilgerinnen, die nicht nur vom Jakobsweg abgekommen sind.

Aber nicht nur Fernando (Paul Hamy) wird einfach mitgerissen und von den Stromschnellen des Schicksals hin und her geworfen. Auch João Pedro Rodrigues' Film treibt scheinbar ziellos von einer Sequenz zur nächsten. Aus dem Porträt eines an einer mysteriösen Krankheit leidenden Ornithologen, der in der Wildnis vielleicht auch seinen Beziehungsproblemen entkommen will, wird zunächst eine Art Psychothriller. Fernandos Retterinnen entpuppen sich als christliche Furien, die den ungläubigen Wissenschaftler wie den heiligen Sebastian an einen Baum fesseln und am nächsten Morgen entmannen wollen. Und das ist nur die erste Station auf Fernandos Odyssee. Später wird er einer Gruppe junger Männer in karnevalesken Kostümen begegnen, die im nächtlichen Wald furchterregenden Ritualen nachgehen, ekstatische Stunden mit einem taubstummen Schäfer namens Jesus verbringen und drei jagende Amazonen treffen, die noch Latein sprechen.

Verwandlungen waren schon immer João Pedro Rodrigues' großes Thema. In seinem Kino ist nichts festgeschrieben. Alles kann sich verändern. Ein Wissenschaftler, der die Existenz Gottes verneint, kann schließlich zu einem Wiedergänger des heiligen Antonius von Padua werden. Einmal predigt Fer­nando sogar zu den Fischen in einem ziemlich trüben Tümpel und spricht dabei von sich selbst und seiner Suche nach Klarheit. In simplen Bildern zelebriert João Pedro Rodrigues eine Art von Erweckung. Die Reflexionen eines Vogelkundlers, der vielleicht schon immer, ohne es zu wissen, auf den Spuren der Heiligen wandelte, verdichten sich zu einem poetischen Bekenntnis von geradezu überwältigender Schönheit.

»Der Ornithologe« ist Rodrigues' bisher persönlichster Film. Auch er hat einst Ornithologie studiert und dann zum Glauben gefunden. Aber trotz ihrer Nähe zur katholischen Ikonographie entzieht sich diese queere Heiligengeschichte jeglichem Dogmatismus. Christliche Legenden vermischen sich mit heidnischen Mythen, antike Ideen gehen Hand in Hand mit modernen Überzeugungen, religiöses Pathos trifft auf blasphemisches Begehren. Auch im Glauben legt sich Rodrigues nicht fest. Alles ist in Bewegung und geht immer wieder neue Verbindungen ein, die einen ebenso verzücken wie verstören können. Am Ende kommt es dann zur wundervollsten aller Metamorphosen. Aus Fernando wird Antonius, und auch der Darsteller verwandelt sich von einer Einstellung zur nächsten. An die Stelle Paul Hamys tritt João Pedro Rodrigues. Die Kunst ist das eigentliche Reich der Götter.

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