Kritik zu Der Ghostwriter

© Kinowelt

Auf der Berlinale hat Roman Polanskis neuer Film einen Silbernen Bären für die beste Regie gewonnen – der Meister konnte die Trophäe für seinen meisterlichen Film nicht selbst in Empfang nehmen

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»Der Ghostwriter« war wahrscheinlich der Film, auf den man bei der Berlinale am meisten gewartet hatte. Polanski hatte den Film unter schwierigen Bedingungen fertig stellen müssen: der Regisseur sitzt im Hausarrest in seinem Chalet in der Schweiz, angetan mit einer elektronischen Fußfessel, wegen eines Sexualdelikts vor mehr als 30 Jahren, und hatte Schnitt und Postproduktion von dort aus geleitet; Analogien zwischen Film und Polanskis Situation drängen sich auf. Entstanden ist der Film zu großen Teilen in Deutschland und mit deutschem Geld. Und der Autor der literarischen Vorlage, Robert Harris, ist ein Garant für Beststeller – Polanski hatte schon dessen »Pompeji«-Roman verfilmen wollen.

Als Romanautor ist Harris nicht nur ein Meister im Knüpfen der Fäden, wie er zum Beispiel in »Enigma« bewiesen hat, sondern er besitzt auch das Vermögen, Zeitgeschichte einigermaßen intelligent in seine Romanhandlungen zu integrieren – und literarisch zuzuspitzen. In »The Ghost Writer« etwa ist die Figur des britischen Ex-Premiers Adam Lang (gespielt von einem zynisch wirkenden Pierce Brosnan) eindeutig eine Verlängerung von Tony Blair ins Fiktive – mit dem Harris befreundet war. Und kurz vor Filmstart musste Blair vor einem Untersuchungsausschuss in London Rede und Antwort stehen, ob völkerrechtliche Bedenken gegen den Krieg im Irak zu ihm durchgedrungen seien.

Adam Lang hat seine Memoiren für mehrere Millionen Dollar an den New Yorker Verlag Rhineheart verkauft. Als sein früherer Ghostwriter bei einem angeblichen Unfall, er soll betrunken von einer Fähre gefallen sein, ums Leben gekommen ist, heuert der Verlag einen britischen Schriftsteller (Ewan McGregor), der im Film keinen Namen hat, sondern immer nur der »Ghost« heißt, an. Innerhalb von einem Monat soll er das Buch überarbeiten, auf einer Insel vor der Ostküste der USA, nur das Buch benennt sie als Martha's Vineyard. Während er an dem Buch arbeitet, behauptet ein ehemaliger Kabinettskollege Langs, Rycart, dass Lang es gebilligt hat, dass vier britische Staatsbürger im Gewahrsam der USA gefoltert wurden. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag schaltet sich ein.

Doch dass im Hause Lang etwas faul ist, merkt der »Ghost« von Anfang an. An »Der Ghostwriter« faszinieren seine langsame Erzählweise, die Stück für Stück hinter der offiziellen Geschichte eine verborgene entdeckt, und der beiläufige Witz, mit dem sich der »Ghost« einen Weg durch den Dschungel an Legenden und Unstimmigkeiten bahnt. Je mehr sich der »Ghost« einarbeitet, umso mehr Fragezeichen tauchen auf – war Lang nur eine Marionette in den Händen der USA?

Wenn man will, ist »Der Ghostwriter« so etwas wie ein Alterswerk; Polanski hat viele Motive aus früheren Filmen in seinen neuen Thriller eingearbeitet. Das Haus von Lang mit seiner modernen Beton-Glas-Architektur wirkt eher wie ein Gefängnis, wie überhaupt die Insel trotz ihrer Weite etwas Klaustrophobisches hat. Das Motiv des Klaustrophoben und Abgeschlossenen zieht sich durch viele Filme von Polanski, der seine Kindheit im Ghetto verbringen musste, sei es nun »Wenn Katelbach kommt«, »Ekel« oder »Der Mieter«. Und wer will, kann darin auch eine Anspielung auf Polanskis eigene Situation unter Hausarrest herauslesen. Einmal sagt Langs Frau, in den USA auszuharren, sei besser »als in Heathrow in Handschellen abgeführt zu werden«. Polanski wurde am Flughafen von Zürich verhaftet.

Souverän spielt Polanski auch mit den Mechanismen des Verschwörungs- und Politthrillers; der »Ghost« wird mehr und mehr vom Jäger nach Informationen zum Gejagten, dem die wind- und regengepeitschte Insel schließlich keinen Schutz mehr bietet.

Die Wahrheit wird am Ende nicht ans Licht kommen. Nur dem »Ghost« wird sie aufgehen, aber erst, als das Buch schon gedruckt und die Sektflaschen zu seiner Vorstellung entkorkt sind. Ihm fällt eine Unregelmäßigkeit im Manuskript seines Vorgängers auf – Buchstaben, das hat etwas im positiven Sinne Altmodisches wie der ganze Film, der seine Spannung nicht durch Verfolgungsjagden, sondern eher durch Blicke auf menschenleere Strände und einsame Parkplätze erzeugt.

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