Kritik zu Der Andere

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Ist die Liebe eine Entscheidung oder ein Gefühl, dem man ausgeliefert ist? Richard Eyres Verfilmung der gleichnamigen Novelle von Bernhard Schlink stellt die Frage, ob man zwei Menschen gleichzeitig lieben kann

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Das Déjà-vu ist in der Regel ein entmutigendes Kinoerlebnis. Es hilft wenig, dass es ein trügerisches Gefühl ist, eine Gaukelei des Vertrauten. Welche neuen Aspekte lassen sich etwa der Dreiecksgeschichte abgewinnen, die für die Literatur des 19. Jahrhunderts noch geradezu unverzichtbar war, heute aber längst Schleifspuren aufweist?

Wer sich auf solch vertrautes Terrain begibt, sollte mit der Gabe raffinierter Variation gewappnet sein. Aber was kann man ausrichten, wenn bereits das Personal allzu vertraut ist? Liam Neeson und Laura Linney verkörpern in diesem Film zum zweiten Mal nach »Kinsey« ein Ehepaar, und Antonio Banderas kann den mediterranen Liebhaber eigentlich per Autopilot spielen. Die einzige Rettung liegt in der Deplatzierung. Neesons Rolle in »Der Andere« verhält sich gleichsam spiegelbildlich zu seinem Part in Atom Egoyans »Chloe«; diesmal ist er der zögerlich rachsüchtige Ehemann. Banderas öffnet einen Spalt des Argwohns für den Zuschauer, in dem er dem Charmeur eine Weltläufigkeit verleiht, die eine Behauptung, aber nicht unbedingt eine Lüge ist. Linneys treuherziger Blick disponiert sie nicht unbedingt für den Part der untreuen Frau, die heftige Leidenschaften schürt, aber ihre Filmauftritte sind stets eine Wette gegen die eigene Unscheinbarkeit, und so fügt sie sich nicht schlecht in die Besetzungsstrategie eines Films, dessen Figuren neben der Rolle stehen, die das Leben ihnen zugeteilt hat.

Die Vorlage von Bernhard Schlink stammt aus dem Zyklus »Liebesfluchten«, der um das Motiv der Aufdeckung von Familien- und Ehegeheimnissen kreist; wie die Protagonistin von »Der Vorleser« besitzt die weibliche Hauptfigur auch hier eine »dunkle« Seite. Als seine Frau Lisa (Linney) nach 25 Jahren glücklichen Ehelebens an Krebs stirbt, findet Peter (Neeson) heraus, dass sie eine lang andauernde Affäre hatte. In Mailand macht er ihren Liebhaber Ralph (Banderas) ausfindig und gewinnt dessen Vertrauen, ohne seine wahre Identität zu erkennen zu geben.

Zwei Arten von Virilität – die wuchtige Verlässlichkeit Neesons und das dubiose Temperament von Banderas – geraten in Wettstreit miteinander. Auf den ersten Blick tragen sie den Widerspruch zwischen vorläufigen und endgültigen Gefühlen aus. Aber die romantische Vollkommenheit des Augenblicks muss nicht gegen die Loyalität aufgewogen werden. Denn »Der Andere« ist einer sehr angloamerikanischen Sicht der Untreue verpflichtet: Er betrachtet sie als moralisches, nicht als psychologisches Problem. Schlink hat allen eine Buße auferlegt, die einen heilsamen Prozess der Bewusstwerdung besiegelt.

Es wird kein Zufall sein, dass nach Stephen Daldry zum zweiten Mal ein britischer Regisseur eine Vorlage von Schlink verfilmt. Dessen klare, wenig farbige Prosa legitimiert eine gediegene filmische Umsetzung. Wie Daldry kommt auch Richard Eyre vom Theater und hat mit seinem letzten Film »Tagebuch eines Skandals« schon demonstriert, dass er es versteht, den Schauspielern nicht in die Quere zu kommen und zugleich ein beinahe demütiges Vertrauen in bewährte Konflikte zu setzen.

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