Kritik zu Der Affront

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Ein kleiner Streit zwischen ­Nachbarn in Beirut wird zu einem Fall von nationaler Tragweite: Ziad Doueiri bringt in seinem oscarnominierten Film das schwierige Erbe des ­Libanonkriegs in einem Gerichtsthriller auf den Punkt

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»Scharon hätte euch alle auslöschen sollen!« Mit wutverzerrtem Gesicht brüllt der Automechaniker Toni Hanna (Adel Karam) diese sechs Worte, für die Vorarbeiter Yasser Salameh (Kamel El Basha) ihm mit einem heftigen Schlag zwei Rippen bricht. Es ist die zweite Eskalationsstufe eines Streits in der libanesischen Hauptstadt Beirut, bei dem aus jener sprichwörtlichen Mücke die ganze Elefantenherde Hannibals zu werden droht. Auslöser des Streits: Ein kaputtes Abflussrohr an Tonis Balkon, das Yasser eigenmächtig repariert, nachdem Schmutzwasser auf ihn he­rabgetropft ist. Der cholerische Wohnungsbesitzer haut die geschickte Konstruktion mit Inbrunst klein, woraufhin Yasser ihn als »Scheißkerl« beschimpft.

»Was du gesagt hast, ist inakzeptabel. So fangen Kriege an«, bekommt Toni von seinem Vater zu hören. Das mag, wie die Grundprämisse von »Der Affront«, Ziad Doueiris für den Auslandsoscar nominiertem Film, absurd klingen. Aber der Regisseur, der das Drehbuch gemeinsam mit der ehemaligen Journalistin Joëlle Touma geschrieben hat, versteht es packend, davon zu erzählen, wie das gesprochene Wort durch die »richtige« explosive Mischung die Durchschlagskraft einer Bombe entwickeln kann.

Und die Mischung in »Der Affront« ist mehr als explosiv, der Streit zwischen den beiden von vornherein ein Stellvertreterkonflikt: stellvertretend dafür, dass der libanesische Christ Toni aus ganz eigenen Gründen palästinensische Flüchtlinge wie Yasser hasst, und stellvertretend auch für die möglichen Folgen einer nie aufgearbeiteten historischen Grausamkeit. Hier konkret des 1990 nach 30 Jahren zu Ende gegangenen libanesischen Bürgerkriegs, in dessen Nachhut alle Beteiligten per Generalamnestie freigesprochen wurden. Doueiri spricht im Interview von einer »General-Amnesie«, es sei einfach alles unter den Teppich gekehrt worden.

Gemeint hat Toni Ariel Scharon, jenen ehemaligen israelischen Premierminister, der auch als Hardliner in Sachen israelischer Siedlungspolitik und Palästinenserfrage berüchtigt war. Jedenfalls entwickelt sich aus der Beleidigung ein Gerichtsverfahren von nationaler Tragweite, nachdem der angeschlagene Toni wegen seiner Verletzung zusammenbricht und auch seine hochschwangere Frau Shirine (Rita Hayek) kollabiert. Der brennende Anhänger der christlichen Partei »Forces Libanaises« lässt sich von dem ebenfalls nationalistischen Staranwalt Wajdi Wehbe (Camille Salameh) vertreten, Yasser findet in Nadine (Diamand Abou Abboud) rechtlichen Beistand. Am Rande potenzieren die Medien den Fall, während rechte Libanesen und palästinensische Flüchtlinge in den Straßen wüten, Toni bedroht wird und Unbeteiligte zu Schaden kommen.

Was nach einem Gerichtsthriller wie vom Reißbrett klingt, wird in den Händen Doueiris zu einer tiefenpsychologischen Auseinandersetzung mit dem unverarbeiteten Trauma seines Landes. Und sicherlich auch mit seinen eigenen Geistern, denn der 1963 in Beirut geborene Regisseur hat den Bürgerkrieg am eigenen Leib erlebt, bevor er für sein Filmstudium in die Staaten ging. In seinem fesselnd inszenierten Film, der mit einigen Überraschungen aufwartet, dreht sich schließlich alles um die Aufarbeitung jener »hohen emotionalen Belastung«, wie es mehrfach heißt, die beide Protagonisten zu ihrem Handeln trieb.

»Der Affront« geht allerdings weit hinaus über die konkreten Ereignisse und ist zugleich eine brandaktuelle Parabel. Ohne pädagogische Peitsche legt Doueiri die gefährlichen Mechaniken von Eskalationsspiralen offen und zeigt, wie aus (religiösem) Fanatismus, oberflächlichen Verallgemeinerungen, Vorurteilen und von Emotionen gesteuerten Diskursen ein wahrlich explosives Gemisch werden kann. Wie universell dieser Dominoeffekt ist, davon kann man sich ja derzeit leider fast täglich in den Medien überzeugen. Dass es in »Der Affront« völlig egal zu werden scheint, wer den Fall gewinnt, ist großes Kino. Und zugleich steckt darin die traurige Erkenntnis, dass Doueiris Film kraft seiner Imagination der Wirklichkeit einen Schritt voraus ist.    

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