Kritik zu Das unbekannte Mädchen

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Eine junge Ärztin ermittelt: In ihrem neuen Film wagen die Dardenne-Brüder einen vorsichtigen Schritt in Richtung Krimi, bleiben aber sowohl ihrem sozialen Anliegen als auch ihrem üblichen Drehort und Stil treu

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Seit ungefähr dreißig Jahren stehen die Brüder Luc und Jean-Pierre Dardenne für präzise beobachtetes, manchmal bitteres, aber niemals zynisches Sozialkino. Ob in dem von Kennern als ihr Meisterwerk gepriesenen »Rosetta« oder in dem Überraschungserfolg »Zwei Tage, Eine Nacht« – die belgischen Filmemacher positionieren sich stets klar auf der Seite der Verlierer einer kapitalistischen (Arbeits-)Welt, ohne es dabei jemals auf billige Stimmungsmache abzusehen. Ihnen geht es – so abgedroschen das klingt – um die Menschen; Menschen in teilweise unlösbaren gesellschaftlichen Zwangslagen, deren psychologische Profile sie mit feinen Strichen skizzieren. Diese Art von Kino versteht man oftmals als dem Genrefilm gegenübergestellt, denn es versucht, sich klar definierten Tropen zu verweigern und einen nuancierten, realistischen Stil zu entwerfen. Dennoch: In »Das unbekannte Mädchen« begeben sich die Dardennes vorsichtig ins Terrain des Kriminalgenres – mit spannenden Ergebnissen.

Ein lupenreiner Krimi ist der Film natürlich nicht: Rein oberflächlich folgt er dem strapaziösen Alltag einer jungen Ärztin, die kurz vor dem großen Karriereschritt an eine renommierte Klinik steht. Dr. Jenny Davin (Adèle Haenel) macht Hausbesuche, schreibt Rezepte, untersucht Patienten. Das klingt unspektakulär, trotzdem schaut man ihr gerne dabei zu – weil sie von Haenel so fabelhaft zurückhaltend, aber sympathisch gespielt wird und weil zu keinem Zeitpunkt ein Zweifel daran besteht, wie viel der Medizinerin ihre Arbeit bedeutet. Dann kommt es zu einer schicksalhaften Nacht: Nachdem Davin bereits weit über die Öffnungszeit ihrer Praxis hinaus Patienten behandelt hat, verschließt sie am Abend ihre Tür. Als es erneut klingelt, besteht sie entgegen dem Protest ihres Praktikanten Julien darauf, nicht zu öffnen. Auch eine Ärztin hat schließlich mal Feierabend. Eine verständliche, aber folgenschwere Entscheidung: Am nächsten Tag erfährt sie von der Polizei, dass eine junge afrikanische Frau, die nur wenige Stunden später am Flussufer ermordet wurde, in höchster Not um Einlass gebeten hatte.

Davin trifft diese vermeintliche Mitschuld schwer, gemäß ihres patenten Charakters aber verfällt sie daraufhin nicht in Selbstvorwürfe, sondern trifft klare Entscheidungen: Erstens sagt sie den lukrativen Job in der Klinik ab und übernimmt die kleine Praxis ihres Vorgängers vollständig; zweitens macht sie sich auf die zunächst aussichtslos scheinende Suche nach der Identität des unbekannten Mädchens, weil sie sich dem Andenken des Opfers verpflichtet fühlt. An dieser Stelle beginnen die Dardenne-Brüder nun behutsam und clever mit Elementen des Krimigenres zu spielen: Wie ein »Amateurschnüffler« im Gangsterfilm stellt die Ärztin unter ihren Patienten Nachforschungen an und zieht damit schnell den Unmut der Polizei und einiger zwielichtiger Gestalten auf sich. Auch zuvor freundlich gesinnte Nachbarn lassen plötzlich die Masken fallen. Haenels dabei stellenweise ins Naive schwappende Interpretation der Hauptfigur dürfte für gespaltene Reaktionen sorgen, passt aber stimmig ins Charakterbild.

Die Analogie Ärztin/Detektivin konstruieren die Dardennes gekonnt: Davin kümmert sich so aufrichtig um ihre Patienten, dass die investigative Suche nach dem Namen des Mädchens – und schließlich auch nach dem Mörder – stellenweise wie eine ganz logische Erweiterung ihres eigentlichen Berufs wirkt. In einer der besten Szenen des Films etwa »verhört« sie einen möglichen Zeugen, während sie seinen Blutdruck misst. Zugleich aber verlieren die Regisseure nicht den roten Faden ihres Werks aus den Augen: »Das unbekannte Mädchen« ist auch ein ungeschönter Blick auf prekäre Lebens- und Arbeitswelten, wenn auch vielleicht etwas weniger konsequent als sein direkter Vorgänger »Zwei Tage, Eine Nacht«. So kommen die beiden vermeintlich gegensätzlichen Pole des Films einander durchaus zugute: »Das unbekannte Mädchen« ist zugleich geerdeter Krimi mit gesellschaftlicher Relevanz und Sozialkino mit Spannungsbogen.

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