Kritik zu Das Talent des Genesis Potini

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Eine wahre Geschichte aus Neuseeland: Ein einst berühmter Schachspieler findet aus psychischer Krankheit heraus, indem er unterprivilegierten Jugendlichen das Schachspielen und mehr beibringt

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Er macht einen verwirrten Eindruck, der Mann, der da zu Beginn des Films durch die nächtlichen Straßen irrt. Eine bunte Flickendecke um die Schultern und den strömenden Regen ignorierend, betritt er einen Laden, wo seine Aufmerksamkeit von einem Schachbrett gefangen genommen wird. Genesis »Gen« Potini ist manisch-depressiv. Vor der erneuten Einweisung in eine psychiatrische Klinik bewahrt ihn sein älterer Bruder Ariki, der einwilligt, ihn bei sich aufzunehmen. In einem Schachclub für unterprivilegierte Jugendliche erinnert sich Gen schließlich an sein großes Talent.

Noch einmal Schach und Wahnsinn, noch einmal »based on a true story«, wie im letzten Monat bei »Bauernopfer«, auch wenn der Protagonist dieses Films nicht die weltweite Berühmtheit erlangte wie der amerikanische Champion Bobby Fischer. »Das Talent des Genesis Potini« verbindet vertraute Erzählmuster: Da ist die einstige Koryphäe, ein Mann, der jetzt nur noch ein Schatten seiner selbst ist, der als Lehrer den Glauben an sich selbst wiederfindet, und da ist die Schar unterprivilegierter Kinder, die durch Bildung zu neuem Selbstbewusstsein gelangt. Und schließlich ist da der halbwüchsige Junge, der 14-jährigen Mana, der seinen eigenen Weg sucht und deshalb auf Konfrontationskurs mit seinem Vater geht. Der hat anderes für ihn vorgesehen, wobei dieses andere den Weg in die Kriminalität vorzeichnet, aber eben auch mit Traditionen behaftet ist, die die Rebellion dagegen umso schwieriger machen, denn der Vater sieht seine Biker-Gang als Teil des Maori-Erbes. Für Mana wird das Schachspiel, für das ihn sein Onkel Gen begeistert, zu einer Alternative, ebenso wie für die anderen Kinder und Jugendlichen, von denen wir zwar nur wenig erfahren, die aber in ihren unterschiedlichen Temperamenten doch als Individuen sichtbar werden.

Der Vater-Sohn-Konflikt bringt zusammen mit der Krankheit der Hauptfigur einen dunklen Unterton in die Geschichte und verhindert, dass sie in Wunsch­erfüllungs- und damit Wohlfühlkino abgleitet. Mit dem Ziel, den Juniorenmeisterschaften in Auckland, gerät der Film für einen bezeichnenden Moment in diesen Bereich: Der Zuschauer kann den erstaunt-mitleidigen Blick nachvollziehen, den die adrett gekleideten weißen Jugendlichen dort auf das Maori-Team richten. Zudem drohen Gens »beratende« Zwischenrufe einen Saalverweis zu provozieren. Das Schachspiel hat eine durchaus ambivalente Wirkung auf Gen, einerseits schafft es mit der notwendigen Konzentration eine positive Kanalisierung seiner Krankheit, andererseits scheint es sie durch den damit verbundenen Adrenalinausstoß noch zu verstärken.

Was das Thema der Wiedergeburt anbelangt, darf man von Genesis Potini (1963–2011) durchaus eine Parallele zu dem Darsteller der Hauptfigur ziehen: Cliff Curtis war mit seinen Hauptrollen in »Die letzte Kriegerin« (1994) und »Whale Rider« (2002) Teil jenes neuseeländischen Kinos, das mit seinen Geschichten über Gegenwart und Tradition der Maori auch international reüssierte, danach aber blieb er in Hollywood der ewige Nebendarsteller.

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