Kritik zu Das brandneue Testament

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Nach langer Zeit hat Jaco van Dormael wieder einen großen Film gedreht. Der Belgier erfindet mal kurz die Bibel neu und stellt äußerst charmante Gedankenexperimente über die großen Fragen des Lebens an

Bewertung: 4
Leserbewertung
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3.3 (Stimmen: 3)

Soso, er existiert also, dieser Herr Gott. Und entgegen weit verbreiteten Annahmen lebt er nicht in irgendwelchen außerirdischen Sphären, sondern in einer unbehaglichen Dreizimmerwohnung in Brüssel, ganz oben in einem unscheinbaren Hochhaus. Mit den Bildern, die man sich bislang von ihm gemacht hat, hat er herzlich wenig Ähnlichkeit. Den ganzen Tag schlurft er missgelaunt im Bademantel herum, trinkt Bier, beschimpft seine Frau, schlägt seine Tochter. Die meiste Zeit verbringt er vor seinem Instrument der Macht, einem alten DOS-Rechner, mit dem er den Menschen per göttlicher Direktive den Alltag verdirbt. Gott: ein Pascha, ein Prolet.

Es hat gewiss schon weniger waghalsige Prämissen gegeben im Kino. Doch Jaco Van Dormael (»Toto der Held«) demonstriert von Anfang an, dass er genug Witz und Fantasie für die ganz großen Fragen besitzt und schwere Themen mit leichter Hand zu behandeln weiß. Die Genesis, aus der Perspektive der 10-jährigen Éa (Pili Groyne) geschildert, schafft gleich zu Beginn eine Tonlage zwischen surrealem Schelmenstück und melancholischem Gleichnis. Mit frühreifer Ernsthaftigkeit »korrigiert« die kleine Gottestochter unsere Vorstellungen vom Schöpfungsakt und beklagt sich zugleich über die Niveaulosigkeit ihres Herrn Papa (herrlich: Benoît Poelvoorde). Van Dormael arrangiert das als rasante Montage, er setzt schräge Inszenierung neben dokumentarische Ausschnitte, lässt Giraffen durch die menschenleere belgische Metropole staksen, porträtiert Gottes Zuhause als im Gelsenkirchener Barock eingerichteten Alptraum, verblüfft mit altmodischer und moderner Tricktechnik – und stellt vor allem klar, dass er seine ganz eigene Mischung aus komödiantischer Übertreibung und lebenskluger Seriosität zu präsentieren gedenkt.

Das alles erinnert an den überbordenden Stil von Jean-Pierre Jeunet, an »Delicatessen« und natürlich an »Ámelie«. Aber Jaco Van Dormaels Vision ist weniger exzessiv, will nicht so sehr imponieren, sondern tiefer berühren. Wenn Éa erst einmal selbst Gott gespielt (sie kommuniziert den Menschen ihr jeweiliges Todesdatum per SMS) und ihren »Geburtskanal« hinter sich gelassen hat (eine schier endlose Röhre, die die göttliche Waschmaschine mit der irdischen Realität verbindet), widmet sie sich ihrer selbst auferlegten Mission. Sie will sechs zusätzliche Apostel rekrutieren, deren Namen sie in Gottes himmelhohem Aktenschrank gefunden hat, und wird dabei von einem Clochard (Marco Lorenzini) begleitet, der ein brandneues Testament verfassen soll und, nebenbei, als so ziemlich einziger Mensch kein Handy besitzt und deshalb den Tag seines Todes nicht kennt.

Der Reihe nach trifft Éa sechs Menschen, die aus sehr verschiedenen Gründen mit dem Schicksal hadern: eine einarmige Frau, einen grauen Angestellten, einen Sexsüchtigen, einen Mörder, eine reiche, aber einsame Hausfrau, einen kleinen Jungen, der lieber ein Mädchen wäre. »Wunderbare Verlierer« nennt Van Dormael die Mitglieder dieses Ensembles, und er entfaltet auch im Por­trät ihrer Biografien einen bunten Mix der Stile. Die kleine Protagonistin ordnet jedem neuen Apostel ein Lied zu, das ihn oder sie treffend charakterisiert; ähnlich geht auch Van Dormael vor, indem er jeder Episode einen eigenen filmischen Stil angedeihen lässt. Der Ton wechselt dabei von zartfühlend bis grotesk (Catherine Deneuve landet mit einem Gorilla im Bett), von wehmütig bis märchenhaft (Didier de Neck folgt einem Vogel bis zum Nordpol). Und so offensiv Van Dormael dabei auch übertreiben mag, so ernsthaft ist er doch an seinen Figuren und ihren kleinen und großen Problemen interessiert.

Über allem schwebt nichts weniger als die Frage nach dem Sinn des Lebens, die seltsamerweise erst dann eine neue Drehung bekommt, wenn die Endlichkeit der menschlichen Existenz nicht mehr wegzudiskutieren ist. Sanft und zugleich nachdrücklich erinnert uns »Das brandneue Testament« daran, keine Zeit zu verlieren.

... zum Interview mit Regisseur Jaco van Dormael

Meinung zum Thema

Kommentare

Wir sind aufgrund des Trailors ins Kino gefahren und waren sehr enttäuscht.
Dieser Film ist absolut schlecht. Total überzogen, keine vernünftige Handlung und abgesehen von ein paar Flächen Gags, auch nicht witzig.
Gott als absoluten, bösartigen Penner, der seine Tochter Ea mit dem Gürtel schlägt, darzustellen, übersteigt meine Toleranz.
Schade um die Zeit, ich ärgere mich jetzt noch, dass ich nicht eher das Kino verlassen habe!!!

Dann ärgere Dich doch. Dieser Film ist unglaublich witzig, mit sehr viel Tiefgang und genial gemacht. So vielschichtig und der Menschheit einen Spiegel entgegen haltend ohne berüchtigten erhobenen Zeigefinger und dramatisch dick aufzutragen, nicht belehrend und doch sehr klar und deutlich zeigend, das Leben ist kostbar und wir verschwenden es. Dinge tun, die uns Freude und glücklich machen, einfach genießen statt dahin vegetieren, auszuharren, auszuhalten. Wir dürfen glücklich sein und genießen, die sein die wir sind, niemand anderes, egal wie viel Zeit uns bleibt.
Der Film ist toll!!!!

All you need is love!
Dann könntest Du den Film sicher auch so verstehen, wie er gemeint ist.
Also, nichts wie raus mit dem Knüppel aus dem... Du weißt schon.

Ihre Toleranz wird überstiegen von der Tatsache, dass Gott ein grausames Monster ist? Dann sollten Sie lieber nicht aus Ihren Tagträumereien aufwachen. Sofern Gott überhaupt existiert, ist er noch 100 Mal schlimmer als in dem Film dargestellt und wer das nicht sieht, sucht einfach nach einem Halt in seiner ihm immer bewusster werdenden Nichtigkeit, genannt das Leben.

Ich habe seit langem keinen so berührenden, gleichzeitig tiefgründigen und unterhaltsamen Film mehr im Kino gesehen und kann mich der Meinung von Andrea B. nur anschliessen!! Möglicherweise könnten sehr religiöse Menschen an der Darstellung von Gott Anstoß nehmenem und so zu einer Meingung wie die erste Kommentatorin kommen. Wie schade, denn die eigentliche Botschaft des Filmes ist sehr wertvoll!

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