Kritik zu Dark Shadows

© Warner Bros.

Tim Burtons Filme fesseln selten durch gut konstruierte Geschichten, sondern wegen ihres überschwänglichen visuellen Einfallsreichtums. Sein Remake einer legendären TV-Serie macht da keine Ausnahme

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Zu den berückendsten, einnehmendsten Elementen in den Filmen Tim Burtons zählt zweifellos die Diskrepanz zwischen dem Selbstbild seiner Figuren und deren Außenwahrnehmung: Den anderen mögen sie monströs erscheinen, sie selbst indes empfinden sich als verletzte Seelen. Ihr Regisseur ist ohnehin parteiisch. Für ihn steht außer Frage, dass ihr Ambiente letztlich ungleich furchterregender ist als sie.

Von den acht Figuren, die Tim Burton gemeinsam mit Johnny Depp gestaltet hat, ist der Vampir Barnabas Collins bislang die zwiespältigste. Er steht in der Linie großspuriger Egozentriker wie dem Schokoladenfabrikanten Willy Wonka, dessen Gehabe eine tiefe Kränkung zu verbergen sucht. Wie Sweeney Todd treibt ihn eine Vorgeschichte an, die nach Vergeltung ruft. Allerdings ist er sich seiner grausigen Natur bewusst; sie erfüllt ihn mit Abscheu. Seiner Empörung über das eigene Schicksal fehlt es jedoch nicht an Hochmut. Denn der Hexenfluch, den einst eine schändlich zurückgewiesene Dienstmagd über ihn verhängte, ist nicht unverdient, sondern die Konsequenz seiner puritanischen Doppelmoral. Aus dieser sittlichen Ambivalenz ist der Untote auch zweihundert Jahre später noch nicht erlöst, als sein Sarg wieder geöffnet wird. Die veränderten Geschlechter- und Klassenverhältnisse, mit denen er sich im Jahre 1972 konfrontiert sieht, pariert er zwar mit ausgesuchter Ritterlichkeit. Depps Gestenspiel nimmt Requisiten und Dekors wollüstig in Besitz und lässt erahnen, dass Barnabas’ vornehme Diktion nur eine Seite der Medaille ist.

Bisher bewegte sich Burtons Werk in einem Zwischenbereich schnurrigen Schauderns. In Dark Shadows setzt er die zuvor kunstvoll verschmolzenen Tonarten jedoch stärker gegeneinander ab. Die Horrorelemente inszeniert er mit sichtbar geringerem Elan. Tatsächlich ist es sein entschieden ulkigster Film. Er gehört dem Fisch-auf-dem-Trockenen- Genre an, schlägt seine komischen Funken jedoch nur bedingt aus der so zuverlässigen wie vorhersehbaren Mechanik des Kulturschocks. Mit dem gleichen Einfallsreichtum, mit dem Burton Schrecken und Bedrohlichkeit einer verführerischen Faszination weichen lässt, führt er das Geläufige auch im Genre der Satire auf unverhoffte Wege. Seinen Witz schöpft Dark Shadows aus der Empathie: aus dem Vergnügen an Barnabas‘ Streben, Haltung zu bewahren angesichts der Torheiten und Herausforderungen der Epoche, in die es ihn verschlagen hat. Ein Aristokrat wie er wird sich nicht überwältigen lassen sondern sich der neuen Sitten mit resoluter Lernfreude bedienen. Es trifft sich prächtig, dass die frühen 70er hier ein gastfreundliches Zeitalter sind, eines der kuriosen popkulturellen Gleichzeitigkeiten.

Barnabas’ Nachfahren, die im Abglanz besserer Tage vor sich hindämmern, kommt der schreckliche Wiedergänger nach einern Frist des Befremdens durchaus gelegen. Der kühl filternde Weichzeichner vor Bruno Delbonnels Kamera verleiht ihnen eine sachte Leichenblässe, entrückt auch sie der Gegenwart. Die Unternehmungslust ihres untoten Ahnen bringt neuen Schwung in das verkorkste Familien- und Geschäftsleben. Den Niedergang der Collins-Dynastie, die einst den Fischfang in Maine beherrschte, mag der Film zwar nicht als himmelschreiende Ungerechtigkeit beklagen; schließlich wurde jedes amerikanische Vermögen auf Kosten anderer angehäuft. Weil aber ausgerechnet Barnabas’ ebenfalls zu Zeitlosigkeit verdammte Erzfeindin nun Präsidentin der übermächtigen Konkurrenz ist, setzt er alles daran, die lädierte Familienehre wieder herzustellen.

Sein Mantra, Blut sei dicker als Wasser, ist mithin nicht nur ein dem Vampirfilm naheliegender Kalauer, sondern lesbar als ein durchaus konservatives Bekenntnis. Seit Big Fish arbeitete kein Burton-Film so beharrlich daran, ein Gefühl familiärer Zugehörigkeit zu schaffen. Jedes Mitglied der Sippe hat Grund, sich unverstanden oder zurückgesetzt zu fühlen (und wäre beinahe einen eigenen Filmwert). Aus diesem Nebeneinander der Einsamkeiten soll eine Gemeinschaft werden. Die Kinder besitzen eine wehrhafte Vertrautheit mit dem Morbiden, Übersinnlichen. Für Burton sind das die besten Voraussetzungen, sein Leben zu meistern. Vielleicht müssen sie sich am Ende nicht einmal mehr als verletzte Seelen fühlen.

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