Kritik zu Cyberpunk Romance
Joscha Douma erzählt mit den Mitteln des Genrekinos von einer total vernetzten Welt
Was wäre, wenn unser Gehirn in Sekundenschnelle auf Fachwissen zugreifen, Sprachen lernen und Erinnerungen als Kinoerlebnis abspielen könnte? In »Cyberpunk Romance« ist das Realität. Das menschliche Gehirn lässt sich hier durch am Kopf eingepflanzte, USB-artige Ports mit Computernetzwerken verbinden. Sogar das Eintauchen in die Gehirne anderer Personen soll möglich sein. Eigentlich sind diese neuen Technologien fest in der Hand einer großen Firma, doch eine Gruppe von Hackern versucht, die Ports auf eigene Faust zu entwickeln. Zu dieser Gruppe gehört Mona (Naemi Florez), die der Technik zunächst ablehnend gegenübersteht. Als ihr Freund Milo (Jannik Schümann) in ein »neurotechnisches Koma« fällt, lässt sie sich doch einen Port einsetzen, um in Milos Gehirn nach der Ursache zu suchen. Dabei stößt sie auf Geheimnisse, die eine Kette unheilvoller Ereignisse in Gang setzen.
Das Szenario hat durchaus reale Hintergründe. Zu Gehirn-Computer-Schnittstellen forschen medizinische Einrichtungen, aber auch Firmen wie das von Elon Musk gegründete Unternehmen Neuralink. Auch wenn eine umfassende Symbiose zwischen Mensch und Maschine noch ziemlich weit von der Realität entfernt sein dürfte: Die Fragen, die »Cyberpunk Romance« aufwirft, sind von aktueller Relevanz. Welche Risiken gehe ich für technischen Fortschritt ein? Wer kontrolliert die Technik, die ich immer näher an mich heranlasse? Welche Gefühle sind noch echt, wenn Technik sie manipulieren kann?
Die Motive lassen Bezüge zu Vertretern des Cyberpunk-Genres erkennen, mit seiner eher realistischen Anmutung und der nahen Anbindung an die Jetztzeit erinnert »Cyberpunk Romance« aber noch eher an Episoden der Serie »Black Mirror«. Zwar mag nicht alles in der dargestellten Welt vollends schlüssig erscheinen. Doch Regisseur Joscha Douma wirft dem Publikum mit solchem Selbstbewusstsein seine technischen Erklärungen an den Kopf, dass man nicht hinterfragt, sondern sich von der Geschichte in den Bann ziehen lässt. Großen Anteil daran hat die treibende Musik von Bamdad Afshar, der auf ungewöhnliche Art klassische arabische Musik mit Elektroklängen kombiniert. Ins Auge sticht zudem das Set-Design, das weniger auf digitale Effekte als auf analoge Einrichtung setzt. Der detailreich ausgestatteten und sympathisch abgerockt daherkommenden Welt der Hacker und Prepper wird ein cleanes und düster wirkendes Interface gegenübergestellt, das die Vorgänge in Monas und Milos Kopf abbildet.
Ein Leitmotiv ist Monas Angst vor Kontrollverlust. Sie fürchtet sich vor ihren dunklen Charakterzügen und versucht, diese »andere Mona« zu verdrängen. Doch genau die wird zum Schlüssel, als Mona die Kontrolle über ihren Port-Zugang verliert. Dargestellt wird dieses »Unbewusste« durch eine Art Horror-Mona mit weiß geschminktem Gesicht und schwarzen Augen, die in der virtuellen Welt aus einem Keller hervorklettert. Damit bewegt sich Doumas Dystopie irgendwo zwischen realer Technik- und Kapitalismuskritik und bewusst überzeichnetem Genrekino. Dem deutschen Film steht diese Mischung ganz gut.




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