Kritik zu Corsage

© Alamode Film

Bei Marie Kreutzer ist die österreichische Kaiserin Elisabeth keine süße Sissi, sondern eine moderne Frau in der Midlife-Crisis, essgestört und fitnessbesessen. Ein Film mit bewussten Stilbrüchen, in dem die Filmgeschichte selbst noch mal umgeschrieben wird

Bewertung: 4
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 1)

Langsam und elegant, wie in Zeitlupe, kippt die Kaiserin beim Hofzeremoniell in sich zusammen, entzieht sich den Zwängen des höfischen Repräsentierens durch Bewusstlosigkeit. So einige Strategien des stillen Widerstands hat sie im Laufe der Jahre entwickelt. Gleich in der ersten Szene taucht sie ab, lässt die Zeit stillstehen, indem sie unter Wasser in der Badewanne das Atmen pausiert, über eine Minute lang. Vicky Krieps (»Der seidene Faden«) verkörpert die berühmte österreichische Kaiserin Elisabeth jenseits weicher Sissi-Haftigkeit, ganz kantig, streng und widerständig, und nicht wie Romy Schneider in den 50er Jahren als junge Kaiserin, sondern als vierzigjährige Frau in der Lebenskrise. 

»Fester!«, fordert sie von ihren Kammerzofen, die ihr das Korsett um den schmalen Leib schnüren, fester, immer noch fester!, und es bleibt offen, ob sie sich den Schönheitsidealen ihrer Zeit beugt, den Spuren des Alters auf ihrem Körper trotzt, oder ob sie sich da einen schützenden Panzer anlegt, gegen die Zumutungen einer Zeit, in der von Frauen keine Meinung, sondern nur ein lieblicher Anblick gefordert wurde. Ihre Kaiserin ist selbstbewusst, klug und wachsam und treibt mit ihrer Eigenständigkeit Risse ins Korsett ihrer Zeit. Wo sie kann, sprengt sie das Protokoll und die Erwartungen, die an sie gestellt werden. Gekonnt lässt sie sich in eine Ohnmacht sinken, um kurz danach im stillen Kämmerchen vorzuführen, wie sich eine solche glaubhaft auf Abruf herstellen lässt. Ungewohnt auch der Anblick einer Zigaretten rauchenden Kaiserin, die sich beim üppigen Mahl mit ein paar Scheiben Orangen begnügt. Und immer wieder flieht sie aus Wien, nach England zu einem verflossenen Liebhaber oder nach Bayern, zu ihrem Freund, dem König Ludwig (Manuel Rubey), bei dem sie sich ganz natürlich geben kann, der ihr auch großzügig seinen See anbietet, für den Fall, dass sie sich das Leben nehmen wolle. Auch in ihrem Hang zu Melancholie und Todessehnsucht sind die beiden verbunden.

In Filmen wie »Die Vaterlosen«, »Was hat uns bloß so ruiniert« und »Der Boden unter den Füßen« hat die Österreicherin Marie Kreutzer immer wieder aktuelle Rollenbilder und Gesellschaftsstrukturen untersucht. Und wenn sie sich jetzt zum ersten Mal einen historischen Stoff vornimmt, dann tut sie es mit durchaus gegenwärtigem Ansatz. Auf den Feldern sind Traktoren zu sehen, die Kaiserin gehört rund zwanzig Jahre vor der offiziellen Erfindung des Kinos zu den ersten Menschen, deren Bewegungen auf Film gebannt werden, auf einer Harfe erklingt ein Song der Rolling Stones und einmal ist die Andeutung eines erhobenen Mittelfingers zu sehen. Diese feinen Stilbruch-Irritationen fungieren als dezenter Brückenschlag zwischen den Zeiten. 

Jenseits der offiziellen Geschichtsschreibung bietet die Regisseurin aus heutiger, feministischer Perspektive einen Blick hinter die repräsentative Fassade und in die Seele der Kaiserin. Gleichzeitig funktioniert der Film aber auch als Kommentar zu männlich dominierten Machtstrukturen, in denen von Frauen bis heute erwartet wird, dass sie ewig jung, schön und schlank bleiben. In denen sie in Irrenanstalten, in Käfige eingesperrt und in Zwangsjacken geschnürt werden, wenn sie »hysterisch« sind oder sich anderweitig nicht einfügen. 

Wenn die Kaiserin einen typischen Politiker-Gattinnen-Besuch im Krankenhaus absolviert, könnte der Kontrast kaum größer sein, zwischen den kunstvollen Törtchen, die sie verteilt, und dem Entsetzen, das sich in ihrem Gesicht spiegelt, angesichts der Frauen, die an Armen und Beinen gefesselt in Käfigen strampeln und schreien. Das Mitleid mit den fremden Frauen mischt sich da auf bestürzende Weise mit dem Gefühl der Ohnmacht in ihrer eigenen Situation: Wie weit entfernt ist sie wirklich vom Schicksal dieser Frauen? Ihr Käfig mag vergoldet sein, ein Käfig bleibt es trotzdem.

Meinung zum Thema

Kommentare

Habe den Film mit großem Interesse gesehen.
Interessant, wie er ganz bewusst mit Stilbrüchen umgeht.
Hervorragend: Kameraführung, Bild, Ton...

Aber - auch nach längerem Nachdenken meine ich, dass man bei historischen Persönlichkeiten zwischen Realität und Fiktion differenzieren müsste.
Ein wirklich guter Film hätte dazu Möglichkeiten.
So halte ich es nicht für angemessen, die wahren Begebenheiten zu verfälschen.

fand den Film einfach nur schrecklich mit null
Handlung; die Schauspielerin ging mir streckenweise
auf die Nerven

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