Kritik zu Der Boden unter den Füßen

© Salzgeber

2019
Original-Titel: 
Der Boden unter den Füßen
Filmstart in Deutschland: 
16.05.2019
L: 
108 Min
FSK: 
12

Die österreichische Regisseurin Marie Kreutzer (»Die Vaterlosen«) beobachtet in ihrem in diesem Jahr auf der Berlinale im Wettbewerb gezeigten Film eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs

Bewertung: 3
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Frühmorgens, wenn die meisten Menschen noch schlafen, joggt Lola durch Wien, durch die Anlagen, vorbei am Burgtheater. Sie hat eine Altbauwohnung nicht weit davon, noch nicht so ganz fertig eingerichtet, eher ein Ort zum Wäschewechseln denn zum Wohlfühlen. Lola arbeitet als Unternehmensberaterin, aktuell für ein Projekt in Rostock, und es scheint, dass sie sich in anonymen Hotelzimmern oder funktionalen Büros sowieso wohler fühlt als zu Hause. Sie strahlt Souveränität aus, hat ein überlegenes Auftreten und ist sachlich, aber teuer gekleidet. Wie man sich Unternehmensberaterinnen halt so vorstellt, eine perfekte Fassade. Die man wahrscheinlich braucht, um überzeugen zu können in diesem harten und nicht sehr sozialen Business. 

Aber wie so oft bei einer perfekten Fassade: Dahinter verbirgt sich etwas. Lola hat eine kranke ältere Schwester, Conny. Es ist nicht so, dass diese in ihr Leben einbricht – Conny ist ein Teil von Lolas Leben, den sie zu verbergen sucht. Schon zu Beginn des Films wird sie auf dem Flughafen von der Nachricht eingeholt, dass Conny nach einem Schizophrenieschub einen Selbstmordversuch nur knapp überlebt hat. Immer wieder vertuscht Conny die Besuche bei der Schwester, schützt Termine vor, damit die anderen Mitarbeiter ihres Teams ihr privates Problem nicht mitbekommen. Die Schwester ist es, die ihr den Boden unter den Füßen wegzuziehen beginnt – Familie kann man sich nicht aussuchen. Aber Lola hat noch ein anderes Geheimnis: eine Beziehung zu ihrer Teamleiterin Elise. Distanziert hat Regisseurin Marie Kreutzer die Begegnungen zwischen den beiden in Szene gesetzt. Es ist ja nicht nur ein erotisches, sondern auch ein Abhängigkeitsverhältnis: Am Ende wird ­Elise entscheiden müssen, ob Lola ­einen ­großen Job in Sydney bekommen wird. 

Kreutzer (»Die Vaterlosen«, »Was hat uns bloß so ruiniert«) hat Irritationen in ihren Film eingebaut. Als Lola einmal die psychiatrische Klinik verlässt, nach einem Anfall ihrer Schwester, läuft ein Mann neben ihr und spricht mit Lola, als wäre er ein Arzt. Doch am Tor wird er von einem Pfleger zurückgehalten. Und Lola bekommt Anrufe von ihrer Schwester, die in der Klinik nachweislich nicht telefonieren kann. Sind sie real? Oder Anzeichen einer eigenen Erkrankung? 

Kreutzer löst das, zum Glück, nicht auf – verfolgt den rätselhaften Strang aber auch nicht weiter. Viel hat Kreutzer in ihren Film gepackt, und manches bleibt im Stereotyp stecken. Etwa der Businessslang, der irgendwie aufgesetzt wirkt. Dafür überzeugen die drei großartigen Schauspielerinnen: Valerie Pachner als Lola, der es gelingt, ihre Charaktermaske auch als solche sichtbar zu machen, eine eisige Mavie Hörbiger als Teamleiterin Elise und Pia Hierzegger, die die Verschwörungstheorien ihrer Figur so überzeugend aussprechen kann, als wären sie real.

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