Kritik zu Colette

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Das Biopic zu Frankreichs großer Schriftstellerin schildert die erste Ehe der Autorin als inspirierenden Ritt durch eine verruchte Epoche

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Am Anfang hat man das seltsame Gefühl, dass etwas nicht richtig sitzt in diesem Colette-Biopic. Einerseits wirkt natürlich zuerst befremdend, dass Keira Knightley und Dominic West hier Franzosen des späten 19. Jahrhunderts spielen. Aber das ist es nicht allein. Wie Vater (Robert Pugh) und Mutter Colette (Fiona Shaw) den Schriftsteller Willy (West) bei sich empfangen, wie Willy dann der braven Tochter Gabrielle (Knightley) eine Schneekugel mit eingeschlossenem Eiffelturm übergibt – über all dem liegt ein Zug des Forcierten und Unehrlichen. Wenig später, der Gast hat sich verabschiedet, überhört Gabrielle, wie ihre Eltern skeptisch über ihre, Gabrielles, Heiratschancen sprechen. Offenbar hätte Willy einen Antrag machen sollen. Gabrielle schleicht sich davon, angeblich, um spazieren zu gehen. Aber dann stellt sich heraus, dass sie in einen abgelegenen Heuschober zum Stelldichein mit – Willy eilt!

Was zunächst nicht richtig schien, macht auf einmal alles Sinn: Tatsächlich spielen sich die Figuren hier gegenseitig etwas vor, und Gabrielle hat am meisten zu verbergen. Es ist ein guter Einstieg in dieses Porträt einer Künstlerin als junger Frau: nicht wie üblich zu beginnen mit dem Stand der Unschuld, sondern mit der Ambivalenz, mit dem Mut zur Lüge und der jugendlichen Sehnsucht nach mehr. Gabrielle jedenfalls will weg vom Land und der Provinz. Willy, obwohl einiges älter und ein Lebemann, scheint dafür ein ideales Sprungbrett zu sein. Aber als sie an der Seite ihres Gatten nach Paris kommt, muss sie feststellen, dass sie dort eine Außenseiterin ist. Bald trösten sie Willys stürmische Liebesbezeugungen auch nicht mehr; entdeckt sie doch, dass er sie betrügt und anlügt. Und dann nimmt der Film schon wieder eine fast screwballhaft überraschende Wende: statt sich empört zurückzuziehen, schließt Gabrielle mit Willy einen Pakt. Sie will Ehrlichkeit und Teilhabe an seinem Leben – und ist dafür bereit, ihn so hinzunehmen, wie er ist.

Willy, von Dominic West fast unkenntlich hinter Ziegenbart, Spitzbauch und unkleidsamem 19.-Jahrhundert-Frack gespielt, ist in Wash Westmorelands (»Still Alice«) Interpretation eine herrlich zwiespältige Gestalt: einerseits ein alternder Hallodri, der seine Seitensprünge mit der männlichen Natur wegerklärt, andererseits ein zu großer Offenheit fähiger Mann, dem man abnimmt, dass er seine Gabrielle liebt, auch wenn er ihr Talent gleichzeitig ausbeutet . Es ist sein Vorbild eines Schriftstellers, der seine Leser zynisch an der Nase herumführt, das aus Gabrielle schließlich die Schrifststellerin Colette werden lässt. Westmorelands Film macht zugleich klar, dass es vielleicht genau diesen Hallodri brauchte, um das brave Mädchen vom Land seine eigenen zwiespältigen, tabuisierten Impulse spüren zu lassen – und darin Stoff zu entdecken. Keira Knightley jedenfalls verkörpert diesen Reifungsprozess eines wachen, erfahrungsgierigen Geistes mit so viel Vitalität und Empfindsamkeit, dass man es als Zuschauer bedauert, dass der Film mit dem Beginn ihrer eigentlichen Schriftstellerkarriere endet.

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