Kritik zu Callgirl

© Farbfilm

Eine Fallstudie über eine junge Frau aus der slowenischen Provinz, die in der Großstadt Ljubljana auf Glückssuche geht

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Vivre sa vie hat Godard seine Filmballade über die 22-jährige Nana S. genannt, die in zwölf, durch Zwischentitel getrennte Bilder das Abrutschen einer jungen Frau in die Prostitution bis zum bitteren Ende erzählt. Der bei Godard nach Brecht’scher Manier erhobene Zeigefinger fehlt beim vergleichweise sanften Sinkflug der slowenischen Englischstudentin Aleksandra (Nina Ivanišin), die sich in der Stadt ein besseres Leben und eine Eigentumswohnung erhofft, die sie mit dem eigenen Körpereinsatz erarbeiten will. Wenn der kroatische Regisseur Damjan Kozole auch einen weniger didaktischen Ansatz verfolgt, so zeichnet sich der schlingernde Werdegang seiner Protagonistin allerdings genauso durch den Eintritt jener »berufsbedingten« Mechanismen aus, die ihr ehrgeiziges Vorhaben früher oder später zu Fall bringen werden. Durch den anonymen Titel Callgirl (im Original: Die Slowenin) verweist Kozole überdeutlich auf die Gesetzmäßigkeiten des Lebens in der Prostitution, denen auch bei klügster Planung und Berechnung kaum zu entgehen ist.

Aleksandra findet ihre Kunden durch Kleinanzeigen und hat sich auf ausländische Diplomaten spezialisiert, die in den großen Hotels absteigen. Ihr erster Kunde liegt im Sterben, als sie das Zimmer betritt, weil er eine Überdosis Viagra geschluckt hat. Damit eröffnet der Film eine Art Treibjagd auf eine Unbekannte, die unter dem Decknamen »Die Slowenin« von der Polizei gesucht wird, zwei Zuhälter auf ihre Fährte lockt, zudem noch von einem Exliebhaber verfolgt wird, der sie unbedingt heiraten will und – zuletzt – Rache schwört. Bei allen Turbulenzen versucht sie auch noch, ihre Prüfungspflichten als Studentin zu erfüllen. Mit immer wieder neuen Tricks und Ausreden entkommt Aleksandra zwar ihren Verfolgern, erreicht sogar bei ihrer Bank einen Aufschub bei der Kredittilgung, sie kann aber nicht verhindern, dass ihr sorgsam gehütetes Doppelleben im näheren Bekannten- und Freundeskreis langsam durchsickert, dass ihr Leben zunehmend von Zwängen und erpresserischen Verhältnissen umzingelt wird, so dass ihr Spielraum immer kleiner wird. Eine Ausnahme macht die äußerlich als kühl und berechnend erscheinende Schönheit nur im Verhältnis zu ihrem Vater (Peter Musevski), den sie regelmäßig besucht. Das Pendeln zwischen Stadt und Land ist wie eine Wanderung zwischen zwei Welten – ein universelles Bild, mit dem Regisseur Kozole die ganze weite Welt einzubeziehen scheint.

Der Vater, ein Langzeitarbeitsloser mit stark depressiven Zügen, der im Heimatort geblieben ist, trommelt zuletzt wieder seine alte Rockband zusammen, als wolle er – wie in einem Gegenbild – die Lebensqualität der kleinen Freuden auferstehen lassen, die in dem Run aufs schnelle Geld unter die Räder gekommen sind. Callgirl schließt sich auf seine distanzierte Art und in seiner kleinen Form zu einer Art Parabel über einen Niedergang, wie ihn Frank Zappa mit seiner Ballade »Bobby Brown« mit Selbstironie schon in den 80er Jahren besungen hat. »Watch me now – I’m going down«. Aleksandra fällt schließlich in den Refrain ein. Es ist das bittere Eingeständnis einer Niederlage und – vielleicht – ein Neubeginn.

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