Kritik zu Brighton Rock

© Studiocanal

2010
Original-Titel: 
Brighton Rock
Filmstart in Deutschland: 
21.04.2011
L: 
111 Min
FSK: 
16

Debütregisseur Rowan Joffe verlegt seine Verfilmung von Graham Greenes »katholischem« Gangsterroman in die frühen sechziger Jahre

Bewertung: 2
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Nach Neil Jordans »Das Ende einer Affäre« (1999) und Philip Noyces »Der stille Amerikaner« (2002) versucht sich Debütregisseur Rowan Joffe mit »Brighton Rock« an der dritten Graham-Greene-Verfilmung innerhalb der letzten Jahre. Im populärsten Roman des britischen Schriftstellers von 1938 (deutscher Titel »Am Abgrund des Lebens«) geht es um den 17-jährigen Nachwuchsgangster Pinkie, der zum skrupellosen Mörder wird. Auf seinem Pfad ins Verderben droht er die 16-jährige Mordzeugin Rose mitzureißen. Statt die unschuldige Mitwisserin zu beseitigen, entwickelt er eine uneingestandene Zuneigung zu dem naiven Mädchen. Er heiratet Rose sogar, da sie als Ehefrau im Falle eines Prozesses nicht gegen ihn aussagen müsste. Doch eine gegnerische Bande und die Interventionen der älteren Ida treiben Pinkie in die Enge.

Joffe verlegt den Roman, der 1947 erstmals verfilmt wurde, aus den späten Dreißigern mutig ins Jahr 1964 und entfaltet ein atmosphärisch dichtes Nachkriegspanorama des Seebades Brighton (Drehort Eastbourne). In dem abgewetzten Familienferienparadies führen die lokalen Schutzgelderpresser einen heimlichen Bandenkrieg. Das Getriebe von Ausflüglern und Kriminellen wird von den Straßenschlachten zwischen Mods und Rockern gestört, die das beschauliche Seebad am Wochenende aufmischen.

Greene versah in seinem ersten »katholischen Roman« die realistisch-reißerische Gangstergeschichte mit einem religiösen Überbau, bei dem Pinkie, seiner Sünden bewusst, dank der mitleidigen Rose die Chance zur Erlösung bekommt. Doch die Plotverschiebung aus der von düsteren Vorahnungen geprägten Vorkriegszeit in den Resonanzraum von »Quadrophenia« erweist sich als recht unglückliche Verrenkung. In der von der beginnenden Jugendrebellion geprägten Aufbruchstimmung dieser Zeit wirkt der metaphysische Blues des »Verdammten«, Pinkie, der aus dem Off über die Hölle des Daseins räsoniert, pathetisch und aufgesetzt statt authentisch und bewegend.

Sam Riley, der sich im Musikfilm »Control« als suizidaler Ian Curtis empfahl, verkörpert erneut einen zerrissenen Charakter, der wohl auch an Melvilles »Der eiskalte Engel« angelehnt ist. Doch literarische Sätze wie »Du bist gut, ich bin böse – wir sind füreinander bestimmt« wirken schrecklich gestelzt. Die Fallen der zeitlichen Verschiebung zeigen sich aber besonders im unglaubwürdigen Verhalten der Serviererin Rose (Andrea Riseborough). Angesichts Pinkies bedrohlicher Anmache wirkt das fügsame Mädchen weniger verliebt als sträflich unterbelichtet: Hier hat Greenes katholische Allegorie einer allesverzeihenden Weiblichkeit klar das Verfallsdatum überschritten.

In seiner Opernhaftigkeit und nicht zuletzt mit dem milchbubihaften Riley als Secondhand-Leonardo DiCaprio erinnert das Ausstattungsdrama auch an Scorseses theatralische Gangsterepen, ohne aber deren Dringlichkeit zu erreichen. Zwar nicht gänzlich misslungen, bleibt diese Literaturadaption deshalb vorrangig als eine etwas hysterische Stilübung in Erinnerung.

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