Kritik zu The Boy

© Capelight Pictures

Horrorfilm über ein amerikanisches Kindermädchen, das in der britischen Provinz mit einem ganz besonderen Schützling konfrontiert wird

Bewertung: 2
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 2)

»Das sieht ja aus wie aus einem Bilderbuch«, staunt die Amerikanerin Greta, als sie in der britischen Provinz an einem altertümlichen Herrenhaus ankommt. »Nein«, möchte man sie korrigieren, »sieht aus wie aus einem Horrorfilm.« Tatsächlich wirkt das »gothische« Gemäuer, als hätte man es direkt aus Robert Wises »The Haunting« (Bis das Blut gefriert) in die Gegenwart verpflanzt. Auch sonst verweist Regisseur William Brent Bell gleich zu Beginn auf klassische Vorbilder, etwa wenn die aus der Vogelperspektive gefilmte ländliche Anfahrt die berühmte Eröffnungssequenz von »The Shining« zitiert.

Ähnlich wie bei dem Kubrick-Meisterwerk geht es auch in »The Boy« um eine Hauptfigur zwischen Wahn und Wirklichkeit, angesichts bizarrer Geschehnisse in einem einsamen Gemäuer. Die junge Greta, gespielt von »The Walking Dead«-Star Lauren Cohan, soll in dem Gothic-Haus auf das Kind des Besitzerpaares aufpassen, während diese auf Reisen sind. Zu ihrer Überraschung entpuppt sich der Knabe allerdings als, nun ja, Puppe. Greta findet heraus, dass die Heelshires vor rund 20 Jahren ihren damals achtjährigen Sohn Brahms durch eine Feuersbrunst verloren. Die lebensgroße Porzellanpuppe dient den traumatisierten Eltern seither als Ersatz: Sie behandeln sie als realen Menschen, Frühstück, Vorlesestunde und Gute-Nacht-Kuss inbegriffen. Bei der Etablierung dieser Situation hält die Inszenierung eine schöne Balance zwischen ungreifbarer Unheimlichkeit und hintergründigem Aberwitz. Die Idee funktioniert und erzeugt Unbehagen, weil man als Zuschauer sich solcherart traumatisierte Menschen durchaus vorstellen kann.

Zwar hat Greta die strikte Anordnung, Brahms' Tagesprogramm während der elterlichen Abwesenheit penibel einzuhalten. Aber einmal allein im Haus, denkt sie natürlich nicht daran, die Puppe zu vermenschlichen, nur weil ihre neurotischen Auftraggeber es tun. Doch bald, man ahnte es vom ersten Moment, kommt es zu merkwürdigen Zwischenfällen. Die Brahms-Puppe scheint ein furchteinflößendes Eigenleben zu entwickeln. Für eine Weile entwickeln auch diese Szenen nächtlicher Geräusche und gruseliger Schattengestalten eine angenehm altmodische Schauer­atmosphäre. Nur gelingt es Drehbuch und Regie nicht, aus der Grundidee eine interessante Geschichte zu entwickeln. Weder das Trauerthema noch die plötzliche Obsession Gretas für die Brahms-Puppe werden vertieft. Anstelle einer Vision gibt es nur altbekannte Konventionen.

Durch die immer gleichen Spannungsmomente funktioniert »The Boy« nicht einmal richtig als schlichter Gruselspaß. Die Erzählung verliert sich in immer konstruierteren Wendungen sowie zunehmend enervierenden Klassikerzitaten. Die Motive reichen von »Die Wendeltreppe« über »Halloween« und »Das Phantom der Opfer« bis zu Wes Cravens »Das Haus der Vergessenen«, ohne dass mehr daraus entstünde als eine Sammlung geklauter Ideen. Vor 60 Jahren hätte »The Boy« als trashiger B-Horror das Zeug zum Autokinoklassiker gehabt. Heute nennt man so was »Direct to DVD«-Ware.

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