Kritik zu Bohnenstange

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Nichts ist eindeutig: Der junge russische Filmemacher Kantemir Balagov verwandelt die Traumata zweier sowjetischer Frontteilnehmerinnen im Leningrad der Nachkriegszeit in Bilder von morbider Schönheit

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Eine überwältigende Schönheit liegt in den Bildern von Kantemir Balagovs zweitem Spielfilm Bohnenstange. Schon die erste Einstellung verschlägt einem schier den Atem. Vielleicht erwischt man sich sogar bei dem Wunsch, die Projektion im Kinosaal für einige Momente anzuhalten, um sich noch in die kleinsten Details der Bildkomposition versenken zu können. Die Krankenschwester Iya steht mit leicht geöffnetem Mund und weit aufgerissenen Augen in der nur von zwei alten Deckenlampen erleuchteten Wäscherei des Leningrader Krankenhauses, in dem sie sich um versehrte Soldaten kümmert. Wie schon unzählige Male zuvor ist sie in eine Schockstarre verfallen. Nichts und niemand kann sie in diesen Phasen des Stillstands erreichen. Aber das Leben um sie herum geht unablässig weiter.

Die hochgewachsene Iya dominiert den Vordergrund des Bildes und teilt es zugleich in zwei Hälften. Links hinter ihr liegt das diffuse bräunlich-gelbe Licht, das den Waschkeller nur schwach erhellt. Die Konturen der Frauen, die dort ihrer Arbeit nachgehen, verschwimmen leicht. In dem etwas weniger ausgeleuchteten Bereich des Bildes rechts hinter ihr zeichnen sich die über eine Waschwanne gebeugten Arbeiterinnen mit ihren kräftig roten Schürzen deutlich klarer ab. Sie reinigen gerade Laken und Verbände, allerdings mit eher geringem Erfolg. Denn die Verbände, die rechts neben Iyas bleichem Gesicht von der Decke hängen, weisen noch deutlich erkennbare Blutflecken auf.

Diese so perfekt komponierte Aufnahme, die einen sogleich hineinreißt in eine fremde und ferne Welt, gleicht einem Gemälde eines flämischen Meisters. Mit ihrem von Rem­brandt inspirierten Licht und ihrer dunklen, von einigen kräftigen Tupfern akzentuierten Farbpalette könnte sie für sich genommen auch an einer der Museumswände der Sankt Petersburger Eremitage hängen. Und das gilt letztlich für jede Einstellung in Balagovs Film. Er erzählt seine im September 1945 einsetzende Geschichte um zwei zutiefst vom Krieg und von der Belagerung Leningrads gezeichnete Frauen nicht so sehr in Bildern als in filmischen Gemälden. Obwohl auf den ersten Blick nichts diese beiden Filme verbindet, scheint Russian Ark oder zumindest der Geist von Alexander Sokurovs digitalen Kinoexperiment aus dem Jahr 2002 fortwährend über Bohnenstange zu schweben. Nur dass Balagov Sokurovs künstlerische Methode, bei der er Gemälde und damit Geschichte zum Leben erweckt hat, quasi von innen nach außen dreht und sowjetische Geschichte in Bilder einer Ausstellung verwandelt.

Äußerlich verweist nur eine recht kleine Narbe unterhalb ihres rechten Ohrläppchens auf die Verletzungen, die Iya während des Krieges davongetragen hat. Aber innerlich ist die junge Frau den Schlachten noch nicht entkommen. Seit sie im Kampfgeschehen eine schwere Gehirnerschütterung erlitten hat, leidet sie unter ständig wiederkehrenden, kurzen katatonischen Anfällen. Deswegen wurde sie zurück nach Leningrad geschickt, wo sie seither als Krankenschwester tätig ist und sich wie eine Mutter um den kleinen Pashka kümmert. Ihre beste Freundin Masha hatte Iya ihren an der Front geborenen Sohn mitgegeben, um ihn vor den Gefahren der Kämpfe zu bewahren. Doch kurz bevor auch Masha, die mit der Roten Armee bis Berlin vorgerückt ist, nach Leningrad zurückkehrt, stirbt der kleine Junge bei einem tragischen Unfall. Als seine Mutter das erfährt, versucht sie, sofort wieder schwanger zu werden. Doch eine Kriegsverwundung hat sie unfruchtbar werden lassen. Also fordert sie von ihrer Freundin, die alle nur »Bohnenstange« nennen, ein neues Kind.

Von den ersten Momenten in der Krankenhauswäscherei an beschwört Kantemir Balagov mit seinen kunstvoll ausgeleuchteten Bildern ein letztlich ebenso faszinierendes wie irritierendes Missverhältnis herauf. Auf der einen Seite legt sein von Swetlana Alexijewitschs Buch »Der Krieg hat kein weibliches Gesicht« inspirierter Film auf eindringliche Weise Zeugnis von den psychischen und physischen Folgen des Zweiten Weltkrieges ab. Wie im versehrten Leningrad, dieser so lange belagerten und nun wieder befreiten Stadt, haben die Schrecken des Krieges auch bei Iya und Masha sichtbare und unsichtbare Spuren hinterlassen. Ihre Narben erzählen dabei nicht einmal die Hälfte ihrer Geschichte.

So ist Masha, die von Wundern träumt und sich nach einem Kind sehnt, in den Kämpfen, die das Leben ihres Geliebten gekostet haben, grausam und rachsüchtig geworden. Wenn sie davon erzählt, dass sie ihre Rache für den Tod von Pashkas Vater bekommen hat, blitzt ein kaltes Funkeln in ihren Augen auf, das einem Angst machen kann. Sie trägt die Verheerungen ihres Körpers und ihrer Seele nach außen, während Iya sie in sich verschließt. Sie, die im Krankenhaus von allen geliebt wird und es wie keine andere versteht, den Soldaten Hoffnung zu geben, hat selbst kaum noch Hoffnung. Einmal bekennt sie sogar, dass sie anderen nicht mehr helfen will, weil daraus immer nur neues Leid erwächst. Nur eins hält sie noch aufrecht, ihre Liebe zu Masha, für die sie sich mehr und mehr aufopfert.

Wer sich »Bohnenstange« ansieht, muss zwar nicht wie der Leser von Dantes »Göttlicher Komödie« alle Hoffnung fahren lassen. Balagov gönnt seinem Publikum durchaus einige kleinere Lichtblicke. Aber tendenziell zeichnet er in seiner Geschichte vom Schicksal der russischen Soldatinnen ein äußerst düsteres, von Schmerz und Leid erfülltes Bild. Dem steht auf der anderen Seite die extreme ästhetische Überformung der Einstellungen entgegen. Die nur bruchstückhaft vorhandenen Tapeten in Iyas Zimmer verweisen ähnlich wie die von Menschen überfüllte Küche in der »Kommunalka«-Wohnung auf die Not und die Entbehrungen, die die Leningrader Bevölkerung im Krieg und danach erdulden musste.

Man ahnt den Hunger, der Iya und die anderen begleitet. Nur lenkt die opulente Schönheit der Filmbilder von diesem Wissen wieder ab. Selbst die kaputten Tapeten sind mit ihren kräftigen Rot- und Grüntönen noch ein ästhetischer Genuss. Darin liegt durchaus auch eine Wahrheit. In jeder seiner Einstellungen erzählt Balagov vom Licht, das die Schatten durchdringt, und von den Schatten, die das Licht mit sich bringt. Wie im wirklichen Leben ist auch in Bohnenstange nichts eindeutig.

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