Kritik zu Blancanieves – Ein Märchen von Schwarz und Weiß

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Spaniens Oscar-Beitrag 2012 und Gewinner von so ziemlich allen Auszeichnungen, die das Heimatland zu bieten hat, ist eine Liebeserklärung an den Stummfilm, an Andalusien und Grimms Märchen

Bewertung: 3
Leserbewertung
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3.3 (Stimmen: 3)
Sie ist eine der großen Untoten der Filmgeschichte. Immer wieder mal wird sie reanimiert, um die Hauptrolle in einem Film zu übernehmen – in dem sie dann wieder von einer bösen Stiefmutter vergiftet und eingesargt wird. Allein im Jahr 2012 stand Schneewittchen drei Mal im Mittelpunkt größerer Kinoproduktionen, in Tarsem Singhs »Mirror, Mirror«, Rupert Sanders' »Snow White and the Huntsman« und in »Blancanieves« von Pablo Berger – bei weitem die ungewöhnlichste der drei Adaptionen.
 
Dass »Blancanieves« ein Stummfilm ist, ganz auf die klassische Art erzählt, mag zunächst wie der Versuch anmuten, vom Erfolg von »The Artist« zu profitieren, doch Pablo Berger hat bereits lange vor dessen Siegeszug mit der Produktion seines Films begonnen. Und ungewöhnlich ist nicht nur dessen Form: Das Schneewittchen von »Blancanieves« lebt in den 1920ern, heißt Carmen und ist die Tochter eines gefeierten Toreros; die böse Stiefmutter hat eine Schwäche für Lack und Leder, und die Zwerge – aus unerfindlichen Gründen nur sechs an der Zahl – scheinen mit ihrem Zirkuswagen direkt aus Tod Brownings Freak-Welt in die Sonne Andalusiens gefahren zu sein. Flamenco und Gothic, Stierkampf und Grimm'sches Märchen geben sich hier ein harmonisches Stelldichein.
 
Sie finden in Schwarz-Weiß-Bildern von berauschender Schönheit zueinander, kontrastreich, voller Symbole und dezenter Anspielungen auf Filme von Lang, Murnau oder Eisenstein, begleitet vom schwelgerischen Score von Alfonso de Vilallonga. Auch die Besetzung ist geradezu perfekt: Maribel Verdù funkelt böse in der Rolle der Stiefmutter und Macarena Garcia als Carmen ist nicht nur wunderschön, sie vermag über Augen und Mimik auch zu erzählen, wofür es in diesem Film keine Worte gibt. Kurzum: »Blanca­nieves« bietet Stil und Geschmack in Vollendung.
 
Allerdings wartet die Geschichte kaum mit Überraschungen auf. Das Schicksal Schneewittchens ist hinreichend bekannt, die Entdeckungslust des Zuschauers erschöpft sich daher weitgehend in den teils humorvollen, teils finsteren Details. Einige davon sind freilich frappierend, beispielsweise der Waschzuber, in welchen das Kommunionskleid der kleinen Carmen getaucht wird. Weiß verschwindet es darin, schwarz kommt es wieder heraus – denn gerade ist die Großmutter gestorben, das Symbol der Reinheit wird zum Symbol der Trauer. Doch über weite Strecken vermag der Film kaum mitzureißen, allzu selbstgenügsam schwelgt er in seiner Schönheit. Es ist ein wenig wie mit Schneewittchen im gläsernen Sarg: Wunderbar anzusehen ist sie, doch das Leben, das da noch zu erahnen ist, bleibt reglos, eingeschlossen unter dem Glas.
 
Ganz am Ende durchbricht »Blancanieves« noch einmal seine Hermetik. Die letzte Szene klingt auf einer zutiefst melancholischen Note aus, deren Poesie aus einem Widerspruch entsteht: Ist alles verloren oder beginnt es erst? Hätte Pablo Berger mehr solche Leerstellen und Widersprüche zugelassen, etwas tie­fer in die Abgründe des Märchens geschaut – sein Werk wäre vielleicht nicht nur ein Genuss, sondern ein großes Filmerlebnis

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