Kritik zu Berlin JWD

- kein Trailer -

2022
Original-Titel: 
Berlin JWD
Filmstart in Deutschland: 
12.01.2023
L: 
74 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Bernhard Sallmann filmt die Berliner Stadtlage »janz weit draußen«: eine auch für Nicht-BerlinerInnen gewinnbringende sinnlich-historische Erkundung städtischer Topographie jenseits des Urbanen

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Oben zieht eine große Wolke langsam nach links durchs Bild. Unten im Dämmerlicht ein pyramidenförmiger Hügel zwischen Strommasten, gerahmt von einer großen Autobrücke und einem Kanal. Der Industrielärm aus dem Hintergrund passt nicht ganz zu den Silhouetten der Menschen, die oben auf dem Gipfel im spärlichen Schnee Schlitten besteigen. Dann Schnitt auf eine noch distanziertere Totale des Orts, während sich auf dem Kanal einige Kanufahrer erst nähern und dann aus dem Bild paddeln. Mit den beiden etwa 45 und 90 Sekunden langen Einstellungen (samt einer Tafel, die den Ort als »Spree-Teltow Pyramide« benennt) beginnt die neue Arbeit von Bernhard Sallmann, der seit über zwanzig Jahren in beobachtenden und essayistischen Dokumentarfilmen auf die Welt um sich herum schaut. Dabei liegt der geografische Fokus des in Oberösterreich geborenen und in Berlin lebenden Filmemachers oft auf dort angrenzenden Regionen wie der Lausitz oder zuletzt Brandenburg, das er mit vier Filmen auf den Spuren der Wanderungen von Theodor Fontane würdigte.

Nun nähert sich Sallmann der Stadt selbst und besucht unter dem titelgebenden im Berlin der frühen Industrialisierung geprägten Akronym »jottwede« (»janz weit draußen«) Orte, die einst an dieser Peripherie lagen und sich heute topographisch jenseits des Berliner S-Bahn-Rings aber mitten im Stadtgebiet befinden – auch wenn ihre Anmutung wenig urban ist. In den Blick nimmt der Filmemacher dabei (meist in fixen Totalen) ein Heizkraftwerk und Autobahnbrückenbaustellen, Kanäle, Baustoffhandel, ein Technologiezentrum, historische und moderne Krankenhäuser und Wohngroßbauten, Denkmäler, Friedhöfe und immer wieder diverses Ausflugsgrün. Dazu als Soundtrack unterschiedlichste Original-Maschinentöne, verwehende Stimmfetzen immer wieder durchs Bild joggender, skatender oder radelnder Menschen und – wenn zum Ende endlich der lange Winter doch dem Frühling weicht – auch lebhaftes Vogelzwitschern. 

Die Einstellungen sind starr, der bedächtige Rhythmus der Montage beweglich den Sujets angeschmiegt. Einen Kommentar gibt es bis auf eine einleitende kurze Erklärtafel und die Benennungen der einzelnen Dreh­orte nicht. So wird »Berlin JWD« nach der Sichtung auch zur anregenden Vorlage zum Online-Nachforschen. Da lässt sich etwa he­rausfinden, dass die hier anfangs vorgestellte als Rodelberg genutzte »Spree-Teltow Pyramide« unter einer dünnen Schutzschicht höchst gefährliche giftige Überreste ehemaliger Chemieproduktion beinhaltet. Schwieriger wurde es für die Autorin bei einer Szene, die durch ihre ungewöhnlich nahe Einstellungsgröße und Länge von zwei Minuten auf sich aufmerksam machte. Sie zeigt die Haustür eines Kirchengebäudes im Landhausstil, das Sallmann fälschlicherweise von Berlin-Hermsdorf ins nahe Frohnau verlegt hatte. Den Grund für die Markierung der Szene konnte ich bis jetzt nicht entdecken. Aber auf jeden Fall ist »Berlin JWD« eine großartige und anregende Erkundungsreise in oft übersehene Orte großstädtischer Topographie.

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