Kritik zu Barney's Version

© Universal

2010
Original-Titel: 
Barney's Version
Filmstart in Deutschland: 
14.07.2011
L: 
134 Min
FSK: 
12

Die wahre Geschichte eines verschwendeten Lebens: Richard J. Lewis hat Mordecai Richlers Roman verfilmt

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)

Die Liebe seines Lebens lernt Barney (Paul Giamatti) auf der eigenen Hochzeitsfeier kennen, nachdem er gerade seiner zweiten Frau das Jawort gegeben hat. Nur ein verhuschter Blick durch die Tür in die Halle, ein Lachen, eine sonore Frauenstimme reichen aus, um unwiderrufliche Anziehungskräfte freizusetzen. Die Liebe auf den ersten Blick hat im Kino immer ihre besten Auftritte. Dabei wird in diesem Fall die Wahrnehmung nicht durch weich gezeichnete Zeitlupenaufnahmen intensiviert. Das hat Barney’s Version nicht nötig, denn dieser Barney, der hier reichlich alkoholisiert einen Moment vollkommener emotionaler Klarheit erlebt, wird von Paul Giamatti gespielt. Wie sich in den wenigen Minuten, in denen er sich mit Miriam (Rosamund Pike) unterhält, in den trüben Blick das unfassbare Glück mischt und aus dem beleibten Körper alle Last des Lebens zu entweichen scheint – das ist ganz große Schauspielkunst. Nichts ist schwieriger zu spielen als das Glück, und Giamatti gelingt es so überzeugend, weil er in seinen Figuren das Unglück sehr gründlich erforscht hat.

Auch dazu hat er in dieser Adaption von Mordecai Richlers letzten Roman »Wie Barney es sieht« genug Gelegenheit. »Die wahre Geschichte meines verschwendeten Lebens« nennt Barney seine retrospektive Lebensbeichte, die den erzählerischen Rahmen des Filmes bietet. Als Student in Rom verlebt er während der 50er Jahre eine wilde Bohème- Zeit, heiratet eine Malerin, die behauptet, von ihm schwanger zu sein und sich nach der Fehlgeburt das Leben nimmt. Zurück in Montreal wird Barney Leiter einer TV-Firma, die sich »Totally Unnecessary Productions« nennt, und heiratet eine Tochter aus gutem jüdischen Hause (Minnie Driver), um sich am oben erwähnten Hochzeitstag in Miriam zu verlieben, die seinem ausdauernden Werben erst nach der Scheidung nachgibt. Auch wenn Barney der Frau seines Lebens sehr überzeugend das eigene Herz zu Füßen legt, wird aus dem Zigarrenraucher, Säufer und Eishockeyfan noch längst kein umsichtiger Ehemann. Trotzdem hält Miriam ihm die Treue, bis Barney in einem unbedachten Moment sein ganzes Glück aufs Spiel setzt.

Richard J. Lewis hat die assoziative Erzählstruktur des Romans, in der ein an Alzheimer erkrankter Barney sein Leben noch einmal Revue passieren lässt, in eine konventionelle Rückblendendramaturgie aufgelöst. Aber auch wenn diese Kinoadaption mit ihren sorgfältig austarierten romantischen, komischen und melodramatischen Momenten ein wenig braver als die Vorlage daher kommt, ist Barney’s Version ein Film, der nach dem ganzen Leben in all seiner schönen Widersprüchlichkeit und Unkalkulierbarkeit greift. Für dieses Unterfangen ist Paul Giamatti hier ganz in seinem Element. Er findet stets den richtigen Ton und für jede Lebensdekade eine eigene Körperlichkeit. Aber auch der Rest des Ensembles ist ungeheuer stimmig besetzt. Rosamund Pike als Barneys große Liebe verleiht ihrer Figur eine kraftvolle Integrität, Minnie Driver ist einfach eine Wucht als verwöhnte Upperclass-Prinzessin und Dustin Hoffman in der Rolle des Vaters auch für diesen Film ein echter Segen.

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