Kritik zu Back for Good

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In diesem Regiedebüt kehrt ein abgestürztes Reality-Sternchen ins heimatliche Dorf zurück und wirbelt eingefahrene Verhältnisse auf. Hauptdarstellerin
Kim Riedle wurde für den Deutschen Filmpreis nominiert

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Angies berufliche Mission besteht darin, die Blicke auf sich zu ziehen. Die platinblonde Mähne, kürzeste Röcke, Kriegsbemalung, die Fingernägel ebenso lang und spitz wie ihre Stöckel: das schreit nach Trash, jedoch von der kenntnisreich gestylten und potenziell aggressiven Sorte. Angie gehörte zur Schar jener C-Promis, die durch Reality-Shows Bekanntheit erlangen und durch Events tingeln, Nachtschattengewächse im Dunstkreis der Privatsender und der Yellow Press. Nach einem aus PR-Gründen absolvierten Drogenentzug ist ihr nächstes Karriereziel die Teilnahme am Dschungelcamp.

Vorerst aber muss sie, da ihre Freunde und ihr Liebhaber sie fallengelassen haben, im heimatlichen Dorf bei ihrer Mutter und ihrer 14-jährigen Schwester unterschlüpfen. Wie in der Vergangenheit wird Angie vom häuslichen Mief schier erdrückt. Doch während sie unentwegt »networkt«, um sich wieder ins Gespräch zu bringen, beginnt sie sich um die traurige Kiki zu kümmern.

Regiedebütantin Mia Spengler geht bei ihrem Porträt eines scheiternden Starlets erfrischend unkonventionell vor. Die Inszenierung, stets auf Angies Augenhöhe, ist nämlich ganz straight, um im denglischen Jargon der Heldin zu bleiben, kommt ohne besserwisserische Ironie und ohne Blondinenwitz aus. Auch billige Milieukritik oder Sozialromantik wie etwa im Fall des Partygirls Holly Golightly, einer Vorfahrin der schlagfertigen Angie, werden vermieden.

Die Leichtigkeit, mit der Kim Riedle diesem potenziell peinlichen Busensternchen Format verleiht, ist ziemlich großartig. Im vorurteilslosen Blick auf Angies rastlose Selbstbehauptungskämpfe verliert sich das Fremdschämgefühl. Der Film würdigt nicht nur das traditionsreiche Handwerk des Aufzäumens mit all seinen Methoden, vom Waxing bis zur Herstellung von »Big Hair«. Angie erscheint auf ihre Weise als Mackerin, die, zwischen Glanz und Elend, mit aller Energie um ihr Comeback kämpft.

Dabei wird zwar nicht vor Klischees und überkonstruierten Konflikten zurückgeschreckt. Neben Angies Nemesis, der gequält quälenden Mutter, gibt es auch noch eine Schwester, die, mit Epilepsie diagnostiziert, eine unförmige Kappe tragen muss und gemobbt wird. Doch der schier unentrinnbare mütterliche Double Bind zwischen übergriffiger Fürsorge und schroffer Lieblosigkeit wurde selten so genau vorgeführt.

Letztlich handelt der Film davon, wie Frauen »gemacht« werden, vom Narzissmus und seinem Zwilling, einer tiefgehenden ­Unsicherheit. Wie Frauen gefangen sind im Irrtum, dass das eigentliche weibliche ­Kapital immer noch das Aussehen ist. Da wirkt es nur folgerichtig, dass Angie ihrer schüchternen Schwester beim Aufdonnern und beim Produzieren von YouTube-Videos hilft und ihren Konkurrentinnen an die Gurgel geht. Selbst wenn angedeutet wird, dass Kiki einem Schicksal als halbseidenes ­Mädchen entkommt, ist dies kein Feelgoodfilm – aber ein anregender Blick auf weibliche Lebenswelten, hoffnungslos, aber nicht verzweifelt.

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