Kritik zu Away – Vom Finden des Glücks

© Der Filmverleih

2019
Original-Titel: 
Away
Filmstart in Deutschland: 
05.03.2020
L: 
76 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Der Lette Gints Zilbalodis hat als Animator, Komponist und Produzent in Personalunion und drei jahre dauernder Arbeit eine surreale Reise in Szene gesetzt, die Staunen macht und bezaubert

Bewertung: 4
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Ein einziger Alptraum. Die Geschichte des Jungen, der auf einer Insel nach einem Flugzeugabsturz nur überlebt, weil er mit seinem Fallschirm im Baum hängen bleibt, wirkt wie ein Nachtmahr. Sprachlos wie der Held versinken wir in den farbenprächtigen Bildern und lassen uns fortziehen, getrieben wie der Junge. Aus seiner misslichen Lage im Baum wird er zunächst von einer riesigen schwarzen Gestalt befreit, die an Ohngesicht, der zwiespältigen schwarzen Figur aus dem Anime »Chihiros Reise ins Zauberland« (2001) erinnert. 

Hier nun ist es eine wabernde, den Umrissen nach menschliche Gestalt, die nur mit zwei großen weißen Augenhöhlen charakterisiert ist. Es ist schwer auszumachen, ob sie dem Jungen ab jetzt lediglich folgt oder ihn jagt. Er jedenfalls flieht vor der schwarzen Silhouette, verständlicherweise, denn sie kommt ihm auf Schritt und Tritt hinterher, immer in Sichtweite. Aber hat nicht diese Gestalt einen gepackten Rucksack und ein Motorrad für ihn bereitgestellt? Das findet der Überlebende und weiß nun, anhand einer Karte, wo er sich befindet: auf einer Insel, die er nur einmal queren muss, um auf der anderen Seite einen kleinen Hafen zu erreichen. Also macht er sich auf den Weg, steigt aufs Motorrad und flieht. Ihm zur Seite gesellt sich ein kleiner gelber Vogel, den er gerettet hatte und der in der Rucksacktasche ein bequemes Plätzchen findet. Der lettische Regisseur Gints Zilbalodis hat seinen ersten Film innerhalb von drei Jahren komplett allein am Computer mittels Paintbrush hergestellt und nicht nur die Animation, sondern auch Musikkomposition und Produktion übernommen. Dabei hat er Szenen von visueller Intensität geschaffen und in einem Rhythmus geschnitten, die den verwunderten Zuschauer mitreißen, betitelt mit »dream well« oder »mirror lake«. Besagter Spiegelsee ist eine riesige glänzende Fläche, auf der Elefanten den Weg des Helden kreuzen, wie eine Fata Morgana ziehen sie vorüber. Das Bild in seiner kühlen Gestaltung mit blauem Himmel, weißen Wolken, weißen Vögeln und den grauen Dickhäutern ist virtuos konzipiert. 

Mit dem Jungen sind wir die Entdecker der Insel, die einige Überraschungen bereithält, etwa wenn eine Wasserquelle fontänenartig in die Höhe schießt, das Wasser aber, von dem auch unzählige Katzen trinken, alle in einen narkotischen Schlaf versinken lässt. Der eher orchestral klingende Score wechselt mit Naturgeräuschen und totaler Stille ab, eine Komposition, die sich den Bildern perfekt andient und ihren Minimalismus unterstreicht. Da wir ohne Dialoge auskommen müssen, schenken wir dem Gezwitscher der Vögel und dem Rauschen des Windes ganz besondere Aufmerksamkeit, und die Gedanken des Fliehenden können wir nur aus dessen Mimik lesen, die vor allem von seinen großen Augen dominiert wird. Nase und Mund sind lediglich angedeutet, so dass mit der Reduktion auf das Wesentliche dem Regisseur eine vollkommene Charakterstudie gelingt. »Away« ist ein Solitär, wie wir ihn nur selten im Kino zu sehen bekommen.

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