Kritik zu Argo

© Warner Bros.

Ein B-Movie als perfekte Deckung für eine Flucht aus einem von Geiselkrise geprägten Teheran: Ben Affleck verfilmt in seiner dritten Regiearbeit eine wahre Geschichte aus den Geheimakten des CIA

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Es klingt wie der Pitch zu einem schlechten Film: Sechs US-Amerikaner, verkleidet als Produktionsteam eines Science-Fiction-Fantasy-Projekts, werden vom CIA während der Geiselkrise 1980 aus dem Iran geschmuggelt. Zur guten Idee fürs Kino wird diese Geschichte nur, weil sie wahr ist. Und trotzdem brauchte es noch über 30 Jahre, bis sie tatsächlich verfilmt wurde.

Für die ersten 17 Jahre dieser Wartezeit ist allerdings der CIA selbst verantwortlich – die Story unterlag der Geheimhaltung. Seinerzeit, im Januar 1980, wurde zwar bekannt, dass sechs Amerikanern die Flucht aus Teheran gelungen war. Sie hatten es im Getümmel der Botschaftserstürmung auf die Straße geschafft, um anschließend in der kanadischen Botschaft Unterschlupf zu finden. Den Applaus zur Rettungsaktion heimsten damals aber zur Gänze die Kanadier ein. Die Rolle des CIA wurde verschwiegen, weil man negative Auswirkungen auf die Geiseln in der US-Botschaft fürchtete. Es muss für die Beteiligten hart gewesen sein, ist es doch eine der raren Geschichten einer »Einmischung« auf fremden Terrain, in der die CIA gut aussieht.

Umso mehr kann man es den Machern von Argo, Regisseur Ben Affleck und Drehbuchautor Chris Terrio, anrechnen, dass ihr Film mit der Nennung eines unrühmlichen CIA-Einsatzes einsetzt: dem 1953 gemeinsam mit MI6 orchestrierten Sturz des demokratisch gewählten iranischen Präsidenten Mohammad Mossadegh, einem wichtigen Glied in der Kette von verhängnisvollen Ereignissen, die das amerikanisch-iranische Verhältnis vergifteten und mittelbar zur Geiselkrise von 1979/80 führten.

Aber keine Sorge, Argo ist kein kompliziertes Geheimdienstentlarvungsdrama à la Syriana. Kaum ist die Handlung des Films bei den sechs Figuren in Teheran angekommen, die dank Geistesgegenwart und glücklicher Umstände dem Geiselschicksal entgingen, spielen Zeitgeschichte und amerikanische Außenpolitik keine tragende Rolle mehr. Argo erweist sich im Kern vor allem als packender Thriller, der ohne Mätzchen und Spezialeffekte die Geschichte einer unwahrscheinlichen Rettung erzählt.

Das wird spätestens dann klar, als der von Ben Affleck selbst gespielte eigentliche Held der Geschichte auftritt, CIA-Agent Tony Mendez. Sein Vollbart und das füllige Haupthaar machen ihn unschwer als einen Mann erkennbar, der auch gegen Bürokratie oder gängelnde Vorgesetzte das tut, was er für richtig hält. Mendez wird in Washington auf den Plan gerufen, als das Schicksal der sechs zu den Kanadiern Geflüchteten bekannt wird. Wie soll man sie unbemerkt außer Landes bringen? Als Lehrer kann man sie nicht ausgeben, weil die bereits alle zurückbeordert wurden. Als Erntebeobachter wären sie im winterlichen Iran fehl am Platz. Und dass sie auf Fahrrädern die 500 Kilometer bis zur türkischen Grenze bewältigen, scheint nicht nur angesichts des Wetters unwahrscheinlich. Da hat Mendez die rettende Idee: Warum nicht als Filmcrew? Wem sonst als dem Hollywoodvölkchen würde man die Ignoranz abnehmen, in einem von einer Revolution geschüttelten Land nach locations zu suchen?

Die Szenen in der Leitzentrale der CIA inszeniert Affleck wie eine »West Wing«-Folge: viel walk and talk mit bedenkentragenden Vorgesetzten und trotzigen Basisarbeitern, die hartnäckig ihre besseren Ideen durchsetzen wollen. Als willkommene komödiantische Auflockerung kommen die Szenen in Hollywood daher. Dort gewinnt Mendez einen von John Goodman gespielten Maskenbildner für das Projekt, der eiligst zusammen mit dem von Alan Arkin verkörperten Produzenten die Firma »Studio Six Films« gründet. Vom Drehbuch über Setentwürfe bis zu Visitenkarten und Büroräumen muss die »Deckung« perfekt sein. Goodman und Arkin haben ersichtlichen Spaß daran, zwei Hollywoodoldtimer zu verkörpern, die ihrerseits mit viel Lust nicht nur Teheran, sondern auch die eigene Branche hinters Licht führen. Im letzten Drittel schließlich wird Argo zum reinen Thriller: Mendez reist nach Teheran, um binnen weniger Tage den sechs Flüchtlingen ihre Rollen zu erklären und sie zum Flughafen zu bringen.

Nein, nicht alles in Argo entspricht dem historischen Verlauf. Wobei so mancher im Nachhinein staunen wird, welche Details (wie z. B. die Fahrradfluchtidee) dann doch wahr sind. Die meisten Verzerrungen – wie die dramatischen Zuspitzungen am Flughafen – sind unschwer als Verfahren zur Spannungssteigerung zu erkennen. Bei der Premiere in Toronto wurde außerdem moniert, dass der Film den Anteil der Kanadier an der Rettungsaktion zu sehr herunterspiele. Eine abschließende Nachbemerkung versucht dem inzwischen Rechnung zu tragen. Aber das alles ist Geplänkel angesichts der Wirkung, die der Film auf den Zuschauer hat: Er hinterlässt ihn mit jenem köstlichen Empfinden, das viele in dieser Unzweideutigkeit vielleicht zuletzt als Jugendliche nach einem John-Wayne-Western erlebt haben: jenes gute und einverstandene Gefühl, wenn am Ende die Richtigen gesiegt haben . . .

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