Kritik zu Argerich

© One Filmverleih

2012
Original-Titel: 
Argerich
Filmstart in Deutschland: 
30.01.2014
L: 
95 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Stéphanie Argerichs Unternehmung in Sachen Familienforschung ergibt ein ungewöhnlich komplexes und reichhaltiges Künstlerinnenporträt, das sich keineswegs in Bewunderung erschöpft

Bewertung: 4
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Argerich’s«-Sekt, Essstäbchen für 500 Yen, ein Handy-Reinigungsset und selbstverständlich stapelweise DVDs. Die bei einem Konzert in Japan angebotenen und in diesem Film vorgeführten Devotionalien erzählen von der besonderen Verehrung, die Martha Argerich in Japan genießt. Doch auch im Rest der Welt ist die argentinische Pianistin längst eine lebende Legende, samt des Rufs divenähnlicher Kompliziertheit, die viele aus nervöser Unpässlichkeit kurzfristig abgesagte Konzerte und massive Öffentlichkeitsscheu einschließt. Gebrochen wurde das lange Schweigen erst durch Georges Gachots Arte-Dokumentation »Conversation nocturne« (2002) und später Olivier Bellamys zum 70. Geburtstag erschienene detailreiche Biografie. Jetzt kommt aus der Hand von Argerichs jüngster Tochter ein zweiter Film ins Kino, der mit liebevollen Hartnäckigkeit auf die Künstlerin blickt und in seiner Intimität sensationell, doch nie sensationalistisch ist.

Dabei zeigt sich Martha Argerich entgegen allen Erwartungen ungewöhnlich offenherzig, auch was dunkle Seiten und die nicht seltenen negativen Stimmungen angeht. Auch weibliche Eitelkeiten kommen bei ihr höchs­tens als kokettes Zitat vor: So lässt sich die notorische Langschläferin von der Tochter sogar während des Aufwachens mit verquollenen Augen im Bett filmen und debattiert ebenso offen wie über ihre musikalischen Vorlieben (Schumann!) und körperlichen Fetischismen (Zehen!) über die männlichen Anteile ihrer Persönlichkeit. Es entsteht das faszinierend widersprüchliche Bild einer sich versuchter Fremdbestimmung erfolgreich entziehenden, doch – nicht nur wegen der vielen Reiserei – auch unbehausten und von Ängsten heimgesuchten Person.

Die Haltung der Regisseurin mischt anerkennende Würdigung der Übermutter (»I’m the daughter of an goddess«) mit einer gesunden Neugier auf die zum Teil tabuisierten Hintergründe einer Laufbahn, die der Künstlerin nach Wunderkindheit und frühem Aufbruch ins ferne Europa drei Töchter aus gescheiterten Ehen bescherte. Und einen Lebensstil, der Unrast und Einsamkeit mit Exzessen und bohèmienhafter Freizügigkeit verband. Eine Mutter, die töchterliches Schuleschwänzen preist! Vorwürfe gibt es heute von keiner der drei Töchter, nicht einmal von Lyda Chen, der Ältesten, die von der damals selbst noch kindlichen Martha nach der Geburt fortgegeben wurde und jetzt in freundschaftlichem Verhältnis zur Mutter als Musikerin in ihre Fußstapfen tritt.

Dabei ist Argerich eigentlich kein Film nur über Martha, sondern ein Tochterfilm, der aus dem drängenden Wunsch entstand, die eigene Position im Familiengefüge zu untersuchen. So nimmt eine tragende Rolle Vater Stephen Kovacevich ein, der der Tochter den eigenen Vornamen mitgab und heute ein guter Freund der Argerichs ist. Wenn sie zusammen sind, wirken Martha und er wie das perfekte Paar. Tochter Stéphanie kämpft um seine Nähe – und auch etwas larmoyant um die offizielle Anerkennung der Vaterschaft, die bei der Geburt wohl aus Versehen nicht erfolgte. Letzteres gehört zu den Momenten des Films, die wie auch eine in die Kamera gesprochene Lobrede Marthas am Ende in ihrem töchterlichen Narzissmus ein wenig unangenehm berühren. Doch sei’s drum. Am Ende ist es die große alte Dame, die an diesem Film fasziniert.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns