Kritik zu Alles was kommt

© Weltkino

2016
Original-Titel: 
L'Avenir
Filmstart in Deutschland: 
18.08.2016
L: 
100 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Die Französin Mia Hansen-Løve erzählt in ihren Filmen oft vom Aufbrechen familiärer oder romantischer Beziehungen. Ihre fünfte Regiearbeit handelt von einer Philosophielehrerin, die ihr Leben nach der Trennung von ihrem Mann wieder rekonstruieren muss

Bewertung: 4
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 1)

»Das ist die Demokratie, Madame!« sagt der weibliche Streikposten, der Nathalie den Zutritt zur Schule verwehren will. Der Philosophielehrerin käme es jedoch nicht in den Sinn, sich von ihr aufhalten zu lassen. Es ist nicht ihr Kampf, den die Schüler ausfechten: Sie liebt ihren Beruf. Von Achtklässlern wird sich Nathalie (Isabelle Huppert) nicht vorschreiben lassen, wann sie arbeitet. Eine Kameradin des Streikpostens gibt klein bei. In ihren Worten jedoch liegt keine Spur von Höflichkeit: »Die ist Lehrerin, die hat kein Leben.« Mit ihrer Klasse nimmt Nathalie in der nächsten Szene den Gesellschaftsvertrag von Rousseau durch, den sie als Grundlage der Großen Revolution benennt. Die Wahl des Unterrichtsstoffs verdankt sich gewiss keiner Improvisation. Aber sie demonstriert, dass die Lehrerin flexibel und aufgeschlossen sein kann.

In ihren bisherigen Filmen hat Mia Hansen-Løve die Jugend als Zeit der unumstößlichen Gewissheiten geschildert; zuweilen aus der Perspektive späterer Einsicht. In ihrer fünften Regiearbeit vollzieht sie nun einen Sprung in die Elterngeneration. Selbstverständlich zielt »Alles was kommt« darauf, die Unterstellung zu entkräften, Nathalie habe kein Leben. Das bedeutet nicht, dass die Regisseurin unweigerlich parteiisch ist. Die Entschiedenheit der Jugend fasziniert sie nach wie vor. Den radikalen Überzeugungen von Nathalies ehemaligem Lieblingsschüler Fabien (Roman Kolinka) räumt sie im Verlauf ihres Films viel Platz ein. Und es ist Nathalies Tochter, die der Handlung ihren dynamischen Anstoß gibt, als sie ihren Vater Heinz (André Marcon) zur Rede stellt: Sie hat entdeckt, dass er eine Affäre hat und verlangt, dass er sich entscheidet.

Als Heinz Nathalie ankündigt, sie nach 25 Ehejahren verlassen zu wollen, reagiert sie mit zorniger Beherrschung. Das Geständnis verletzt sie nicht nur. In dem Umstand, durch eine Jüngere ersetzt zu werden, liegt auch eine Banalität, die sie empört. Es verträgt sich nicht vollends mit Hupperts Leinwandtemperament, die Reagierende sein zu müssen. Ihrem Charisma ist in den letzten Jahren zusehends eine erprobte Lebenstüchtigkeit zugewachsen, der Modus ihrer Darstellungen ist die nonchalante Tatkraft. Aus dieser Spannung entwickelt sie hier eine ihrer besten Rollen. Nathalie mag verlassen worden sein, aber ihre Verdrossenheit gewinnt immer wieder verblüffend heitere Züge. Sie ist reizbar auch im Sinne eines Erstaunens. Die Montage unterstreicht diese Entschiedenheit: Den empörten Anruf, nachdem Heinz ihre Bücher mitgenommen hat, spart der Film brüsk aus und zeigt gleich den Aufbruch in die französischen Voralpen, wohin Fabien sie eingeladen hat. Nie greift Denis Lenoirs Kamera der Hauptdarstellerin vor. Sie ist eine Begleiterin, die nach neuen Wegen sucht.

Es hat den Anschein, als würde Nathalie das Leben immer mehr entgleiten. Ihrer depressiven, gebieterischen Mutter (Edith Scob) ist nicht mehr Herr zu werden. Der Verlag, in dem sie Lehrbücher herausgibt, bootet sie aus. Fabien zeiht sie bildungsbürgerlicher Saturiertheit. Das Drehbuch häuft Niederlagen und Schicksalsschläge aber nicht unbarmherzig an. Insgeheim arbeitet es längst an der Rekonstruktion von Nathalies Leben. Ein neuer Mann darin wäre eine zu prosaische Lösung. Zwar mag sich Hansen-Løve dem Naheliegenden nicht immer verschließen – die Titel der Bücher, die Nathalie liest, sind oft allzu bezeichnend, der Unterrichtsstoff ist immer eine Spur zu passend. Ihre Liebe zur Philosophie nimmt sie aber zu ernst, um sie nur in Dienst zu nehmen. Wenn Nathalie später einmal, in einer Phase der Konsolidierung, gegenüber Fabien schwärmt, nun habe sie ihre Freiheit wiedergefunden, eine totale Freiheit gar, nistet ein sachter Zweifel in diesem Triumph: Als Philosophielehrerin weiß sie, dass es zwei Arten von Freiheit gibt: von etwas und zu etwas. Wohin ihr Weg sie führt, muss der Film nicht offen lassen. Er hat sich bis dahin schon klug dem Fluss des Lebens anvertraut. Jede seiner Außenszenen spielt am Wasser.

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