Kritik zu 800 Mal einsam

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2019
Original-Titel: 
800 Mal einsam – Ein Tag mit dem Filmemacher Edgar Reitz
Filmstart in Deutschland: 
05.03.2020
L: 
84 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Anna Hepp im Gespräch mit dem 88-jährigen Regisseur, der mit seinem Schaffen unter anderem den Begriff Heimat in ganz neues Licht setzte

Bewertung: 4
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Der Film beginnt mit einer frappierenden Absichtslosigkeit. Als hätte man die Kamera einfach mal eingeschaltet, sieht man eine junge Frau, der ein Mikro angesteckt wird, und einen älteren, bärtigen Mann. Anna Hepp und Edgar Reitz. Man merkt, dass sie schon Stunden miteinander gesprochen haben und ein Gespräch fortsetzen, dessen Anfang man nicht kennt und das vielleicht gar keinen hat. Dann hakt das Bild, bleibt stehen, fällt in die Zeitlupe und dann in den Zeitraffer. Einzelne Sätze werden wiederholt, zerstückelt und rhythmisiert. Es dauert eine Weile, bis der Zuschauer begreift, dass hier Prinzipien aus frühen Kurzfilmen von Edgar Reitz wiederholt werden, die Form nähert sich ihrem Gegenstand. »Ich gehöre zu den Menschen, die sich in der Schlacht erholen«, sagt Reitz. Das ist der erste von vielen Sätzen, die man mitschreiben möchte, und man weiß nicht, ob sie einem eingeübten Repertoire entstammen oder gerade in dieser Minute geformt werden. 

Die unbändige Kreativität des heute 88-jährigen Edgar Reitz bricht sich hier Bahn und er lächelt. »Zwangslächeln« nennt er das. Dabei war er einmal kurz davor, alles hinzuschmeißen. Das war 1978, er hatte einen für ihn sehr bedeutenden Film in die Kinos gebracht, den Schneider von Ulm, in dem es um den alten Traum vom Fliegen geht, und der »Spiegel« schrieb einen großen Verriss. Der Film war tot, noch bevor ihn wirklich jemand gesehen hatte, Reitz pleite, frisch geschieden und quasi obdachlos. Auf dem Sofa eines Freundes entschied er sich, mit 46 Jahren ganz was anderes zu machen. 

Und er dachte nach, über sich und seine Eltern, seine Jugend im Hunsrück und seine Großeltern, von deren Leben er kaum etwas wusste. Und plötzlich war sie da, die Idee zu einem Zyklus, der sein Leben und Schaffen verändern sollte. »Heimat« aber war nicht nur eine großartige Erzählung, es war ein Befreiungsschlag. Der Begriff Heimat, zuvor durch Blut und Boden verseucht oder in die Ecke billiger Folklore gedrängt, wurde wieder ein beschreibender. Wenn wir heute von Heimat sprechen, meinen wir immer auch das, was Edgar Reitz in seiner Serie zu erzählen versuchte, einen Ort, der lebensbestimmend ist. Deshalb war es so falsch, nach der »Zweiten Heimat« von »Heimat 3« zu sprechen, sagt Reitz. »Die zweite Heimat« war eben nicht nur simple Fortsetzung, sondern bezeichnete einen Raum, den man sich aussucht, einen Raum der zweiten Heimat in der Kunst. »In der Bundesrepublik der frühen 90er Jahre mochte man keine Künstler«, sagt Reitz, »deshalb mochte man auch »Die zweite Heimat« nicht.« 

In diesem Film, der die schöpferische Einsamkeit mit dem Publikum teilt, wird der Mitunterzeichner des Oberhausener Manifests noch einmal kämpferisch. Seine Generation begann Filme zu machen, als es weder Filmschulen noch Praktikumsplätze gab und eine alte Garde den Jungen keine Chance ließ. Heute bilden Reitz, Wenders, Herzog und Fassbinder das Fundament des neuen deutschen Films. »Was aber«, fragt Reitz, »ist so deutsch am deutschen Film?« Und dann lacht er wieder. Schelmisch wissend, und schweigt.

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