Kritik zu 45 Years

© Piffl

2015
Original-Titel: 
45 Years
Filmstart in Deutschland: 
10.09.2015
L: 
93 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Fast ein halbes Jahrhundert verheiratet, scheinen sich Kate und Geoff in- und auswendig zu kennen – bis­ eines Tages die Vergangenheit in ihr
beschauliches Leben einbricht. Andrew Haigh und seine Haupt­dar­steller Charlotte Rampling und Tom Courtenay erzählen davon auf so stille wie ergreifende Weise

Bewertung: 5
Leserbewertung
3.75
3.8 (Stimmen: 4)

Welch ein grandioses, unheimliches Bild: 50 Jahre ist es her, dass die junge Frau in eine Gletscherspalte in den Alpen fiel und verschollen blieb. Nun ist sie gefunden worden, eingefroren im Eis, nahezu perfekt konserviert. All die Jahre lag sie dort, um jetzt wie ein Gespenst die Gegenwart heimzusuchen. Die Gegenwart, das sind die Tage vor dem großen Fest zum 45. Hochzeitstag von Kate und Geoff, die ein harmonisches Rentnerleben in Norfolk führen. Und das Gespenst aus der Vergangenheit erreicht Geoff in Gestalt eines Briefs der Schweizer Behörden, die ihm mitteilen, dass seine damals bei einer gemeinsamen Tour durch die Berge verunglückte Jugendliebe endlich gefunden wurde.

Bei Geoff löst die Nachricht eine Erschütterung aus, mit der Kate zunächst recht souverän umgeht, nimmt sie doch sowieso den vitaleren Part in ihrer Ehe ein, während Geoff sein Alter deutlich anzumerken ist. Eine Bypassoperation liegt einige Zeit zurück, er wirkt etwas zerstreut, nicht mehr ganz heimisch in seinem Körper – was Tom Courtenay mit vollendeter Subtilität spielt. Bis zur Feier ist noch eine Menge zu tun, vor allem Kate ist mit Vorbereitungen beschäftigt und fährt immer wieder in die Stadt, doch langsam wie ein schleichendes Gift breitet sich Fremdheit zwischen den Eheleuten aus. Geoff zieht sich mehr und mehr zurück, beginnt wieder zu rauchen und stöbert auf dem Dachboden nach Erinnerungsstücken. Anfangs will Kate noch, dass er von jener Katya erzählt, dann erträgt sie immer weniger, was sie hört. Während sich ein großes, schweres Schweigen zwischen die beiden legt, stachelt ihre Eifersucht Kate an, ihrerseits in Geoffs Vergangenheit zu stöbern – und was sie entdeckt, stellt für sie die Fundamente der Ehe in Frage.

Andrew Haigh, der seine Filmkarriere als Schnittassistent bei Ridley Scott begann, hat bereits 2011 mit seinem zweiten Spielfilm Weekend von einer Beziehung, von Fremdheit und Vertrauen erzählt, doch aus entgegengesetzter zeitlicher Perspektive: Es ging um den Beginn einer Liebe zweier junger Männer. Mit »45 Years«, basierend auf einer Erzählung von David Constantine, analysiert er nun eine allzu selbstverständlich scheinende Vertrautheit, die plötzlich tiefe Risse bekommt. Er kann sich dabei auf seine großartigen Schauspieler verlassen: Kate gehört sicherlich zu den eindrucksvollsten Rollen in Charlotte Ramplings an eindrucksvollen Rollen nicht gerade armer Karriere, und Tom Courtenay, lange Zeit mehr auf der Bühne als auf der Leinwand zu sehen, krönt mit der Darstellung von Geoff sein filmisches Schaffen, das bereits mit zwei Ausrufezeichen begann: »Die Einsamkeit des Langstreckenläufers« und »Geliebter Spinner«.

»45 Years« ist ein Film der ruhigen Bilder, der langen Einstellungen und der Details. So feinsinnig Rampling und Courtenay mit Gesten und Blicken von inneren Turbulenzen erzählen – hochverdient wurden beide auf der Berlinale im Februar diesen Jahres mit Silbernen Bären ausgezeichnet –, ist das Werk doch mehr als »großes Schauspielerkino«. Wie die Vergangenheit in die Gegenwart einbricht, sie Schritt für Schritt aushöhlt, bis das Jetzt nur noch wie ein Schatten des Damals wirkt, das hat Haigh bis in die Ränder und Hintergründe seines Films eingeschrieben.

Die einzelnen Wochentage bis zum Tag des Fests takten die Erzählung; die wechselnden Wetterverhältnisse spiegeln die inneren Turbulenzen der Protagonisten. Irgendwann breitet sich Nebel aus in der weiten, flachen Landschaft Norfolks, durch die Kate mit dem Hund ihre Morgenspaziergänge macht, Regenschauer folgen, ein Sturm lässt die Zugluft durch die Tür zum Dachboden pfeifen – dem Ort, an dem Geoffs Erinnerungen in Form von Fotos und einem Tagebuch liegen und eine beunruhigende Macht gewinnen. Um Fotografie als Medium der Erinnerung, der eingefrorenen Zeit, geht es immer wieder, mal explizit und mal unausgesprochen. Und vieldeutig werden auch die Worte: Kates Angst scheint schon in die Namen eingeschrieben zu sein, denn ist das einsilbige »Kate« nicht eine Schrumpfform der klangvolleren »Katya«? War Kate für Geoff also vielleicht nur der schwache, doch verfügbare Ersatz nach dem Verlust der großen Liebe?

Das Gewebe an suggestiven Details fordert die permanente Aufmerksamkeit des Zuschauers. Umso erstaunlicher, welche Eleganz und Leichtigkeit der Film noch in höchst aufgeladenen Szenen bewahrt. Etwa als Kate den Festsaal besichtigt, in dem die Jubiläumsparty stattfinden wird. Virtuos konstruiert Haigh da eine komplexe Metapher auf die Gegenwart der Vergangenheit und auf Kates emotionale Situation: Ein Verweis auf den Sieg über Napoleon in der Schlacht bei Trafalgar vor über 200 Jahren, der in diesem Saal gefeiert worden sei – wegen des Todes von Lord Nelson allerdings ein sehr schmerzlicher Sieg –, leitet über zu einem alten Gemälde an der Wand, das eine düstere Gebirgslandschaft (in der Schweiz?) darstellt. Kate wendet sich zügig ab, um an der Wand gegenüber vor zwei anderen Gemälden stehen zu bleiben: ein Mann und eine Frau. Gehören sie zusammen, oder hängen sie nur zufällig da nebeneinander, den Blick ewig auf das unheilvolle Gebirge gerichtet? Solcherart »Familienaufstellung« braucht keine Worte. Aus dem Unausgesprochenen, das in Kates und Geoffs Beziehung so zerstörerisch wirkt, zieht der Film gerade seine Kraft und spielt sie in ruhig-konzentrierten Kompositionen von Kameramann Lol Crawley und der punktgenauen Montage von Jonathan Alberts aus.

Weniger tiefgründig, doch mit Flair und Humor ziehen sich Referenzen auf die 1960er Jahre durch den Film, die Zeit also, in der Geoff Katya verlor und Kate gewann. Songs jener Zeit klingen an, vor allem aber arbeitet das Drehbuch mit dem Image und der Vergangenheit seiner Stars. Wenn Geoff etwa sagt, was für ein »heißer Feger« Kate damals gewesen sei, dann will man ihm, mit den Bildern der jungen Charlotte Rampling im Kopf, unbedingt zustimmen.

Je näher das große Fest rückt, umso fraglicher scheint das Fortbestehen der Ehe, die da gefeiert werden soll, zugleich aber bleibt die tiefe Verbindung des Paars stets spürbar. Aus diesem Schwebezustand entfaltet »45 Years« eine lange nachwirkende Intensität, ohne jemals aufs große Melodrama zielen zu müssen – dank seiner Schauspieler, dank seiner inspirierten Gestaltung. So dezent und zugleich so machtvoll erzählen nur wenige Filme von den Abgründen der Liebe.

Meinung zum Thema

Kommentare

Für mich, auch nicht mehr ganz jung, stellte sich vor allem die Frage, wie es angehen kann, dass ein Paar Jahrzehnte lang nicht über ein so einschneidendes Ereignis wie den Verlust eines Partners durch einen schrecklichen Unfall spricht. Hat Kate nie zuvor gefragt: Hast Du sie geliebt? Wolltet Ihr heiraten? Hast Du das Bedürfnis, an den Unglücksort zu fahren? Dann: Katya war sichtbar schwanger damals. Kate ist davon wohl am meisten geschockt. Warum? Konnte sie keine Kinder bekommen? Wollte er keine? Und: Nach 45 gemeinsamen Jahren schlägt man in derartigen Situationen schon mal auf den Tisch unter dem Motto: Rede endlich mit mir. Die beiden agieren wie ein Paar aus der Generation vor ihnen - und nicht wie ein Paar, das durch die gesellschaftlichen Wandlungen der 70er Jahre geprägt wurde. Mein Fazit - trotz der enormen schauspielerischen Leistung: Unglaubwürdig.

Stimmt, was die Dame vor mir gesagt hat. Mich erinnert diese Zögerlichkeit, miteinander zu sprechen eher an meine Eltern aus den 30er Jahren als an meine Generation - heute 75 -.
Die Andeutungen sind oft sehr hintersinnig, oft etwas zu soft, zu leicht, ohne wirkliches Gewicht. Dafür sind die Folgen dieser gegenseitigen Verschwiegenheit miteinander um so dramatischer in ihren möglichen, wieder nur angedeuteten Abläufen. Was bleibt ist das Gefühl, dass das Erzählen vom eigenen Leben und den eigenen Gefühlen ein Geschenk des Vertrauens für den Gegenüber ist und ihn und die Beziehung bereichern kann. Hier wurde nur Magerkost verabreicht- ziemlich trostlos - trotz der guten Schauspieler leider keine Empfehlung.

Ich denke, der zuerst aufgeführte Kommentar trifft einen sehr wichtigen Punkt des Films: das Thema, in einer Beziehung Kinder zu haben oder keine. Der Kritik über das Sprechen zwischen dem Paar würde ich mich nicht anschließen: auch wenn wir uns alle wünschen, dass positive gesellschaftliche Entwicklungen alle Menschen freier machen, ist es leider nicht automatisch so. Folglich ist der Film nicht weniger nachvollziehbar, wenn dessen Protagonisten sich sozusagen etwas anachronistisch verhalten

Der Film gibt die Sprachlosigkeit dieser Generation wieder . Und wer (wie ich) emotional retardiert erzogen wurde , ist dankbar , dass eben nicht alles ausdiskutiert wird, sondern Raum zum Nachdenken bleibt .
Und wenn dann die Hauptdarstellerin auch noch eine frappierende Ählichkeit mit einer eigenen ehemaligen Beziehung hat , dann wird der Film subjektiv betrachtet noch bedeutender ...
Vielleicht erhält C. Rampling ja den Academy Award
2016 als beste Hauptdarstellerin ?

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