Kritik zu Vaterland

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Acht Jahre nach seinem letzten Film »Cold War« folgt der polnische Regisseur Paweł Pawlikowski dem Schriftsteller Thomas Mann und seiner Tochter Erika auf einer Reise durch das Deutschland der Nachkriegszeit – in einer mutigen, zugespitzten Erzählung

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Als Thomas Mann im Sommer 1949 mit seiner Tochter Erika am Steuer in einem schwarzen amerikanischen Straßenkreuzer, einem Buick, vor seinem Hotel in Frankfurt vorfährt, erwartet ihn eine Menschenmenge. Es gibt Applaus, aber auch jede Menge Buhrufe für den damals wohl bekanntesten und durch den Nobelpreis geadelten deutschen Schriftsteller. Es ist Manns erste Reise nach Deutschland, das er 1933 ins Exil verlassen hatte, und er lebt immer noch mit einem Teil seiner Familie in den USA. Mann wird zum 200. Geburtstag Goethes in der Bundesrepublik den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt erhalten. Dann wird er weiter nach Weimar reisen, um den eigens für ihn geschaffenen Goethe-Nationalpreis entgegenzunehmen. Der Weg führt also in die Sowjetische Besatzungszone (SBZ), eine im Kalten Krieg politisch aufgeladene Situation.

Nicht jeder heißt Mann in der Bundesrepublik willkommen, auch in der Pressekonferenz taucht die Frage auf, ob er seine Emigration nicht als Verrat an Deutschland sehe – und was er denn eigentlich als seine Heimat betrachte. Und in der SBZ versucht ihn der Leiter des Kulturbunds Johannes R. Becher für die Politik der späteren DDR zu vereinnahmen. Manns Aufenthalt in Deutschland wird durch die Nachricht erschwert, dass sich sein Sohn Klaus in Cannes umgebracht hat.

Thomas Mann hat diese Reise durch ein physisch wie geistig zerstörtes Deutschland (»verjauchte Gehirne«, hat er einmal in seiner BBC-Sendung gesagt) tatsächlich unternommen. Aber Regisseur Paweł Pawlikowski rekonstruiert die Reise nicht authentisch und akribisch, er macht von Anfang an klar, dass er zuspitzt und verdichtet, dass er an Fiktion interessiert ist und nicht an Reenactment, auch wenn der Film in zeittypischem – wunderbarem – Schwarz-Weiß und dem damals gebräuchlichen Format (1:1,33) gedreht ist. Mann hat die Reise damals mit seiner Frau Katja unternommen; Klaus hatte sich bereits einige Monate davor das Leben genommen – um nur einige Abweichungen zu nennen.

Und dennoch ist Pawlikowskis Film (das Drehbuch hat er zusammen mit Henk Handloegten geschrieben) mit seinen sensationell knappen 82 Minuten Laufzeit sehr präzise und vielschichtig, ein eher unterspieltes Drama auf vielen Ebenen, das sich nicht nur Gedanken macht über die Politik der frühen Jahre (eine atmosphärische Dumpfheit regiert hüben wie drüben), über die Stellung des Schriftstellers in der Gesellschaft, aber auch über das unnahbare Naturell des Familienoberhaupts Thomas Mann. Der sich – zumindest nach außen – weitgehend unberührt zeigt vom Tod seines Sohnes.

Hanns Zischler spielt diesen Thomas Mann in der vielleicht besten Performance seiner Karriere. Man spürt, wie die Reise ihn stresst, ohne dass er drüber spricht; sein Gesichtsausdruck bleibt skeptisch und fragend, auch ein bisschen abgehoben und melancholisch. Die ebenso beeindruckende Sandra Hüller als Erika wirkt viel geerdeter, burschikos und zupackend. Die Tochter fungiert als seine Assistentin – ist aber auch die Einzige, die Fragen an ihn stellt. Und Erika darf ihrem Ex-Mann Gustaf Gründgens (der eine steile Karriere bei den Nazis hinlegte) eine ordentliche Backpfeife geben.

Pawlikowski hat das Geschick, zu kondensieren. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Anti-Nazi-Haltung von Thomas Mann lässt der Film bei einem Empfang aufscheinen, als die beiden Richard-Wagner-Enkel Wieland (Enno Trebs) und Wolfgang (Theo Trebs) ihn, den großen Wagner-Verehrer, ­bitten, ein gutes Wort für die Wiederaufnahme des Betriebs auf dem Grünen Hügel in Bayreuth einzulegen. Der größte Wagner-Verehrer hieße ja wohl Adolf Hitler, sagt Mann, und der Mutter der beiden, Winifred Wagner, sollte man den Prozess machen. Dann entschuldigt er sich.

Über allem liegt das Gefühl der Fremdheit, in fast jeder Einstellung. Dieses Fremdsein im eigenen Land, das hat Pawlikowski auch schon in seinen früheren Filmen »Ida« (2013) und »Cold War« (2018) durchexerziert, die ebenfalls in der Nachkriegszeit spielen und in Schwarz-Weiß gedreht sind. Nicht umsonst hat Thomas Mann in seiner Goethe-Rede von »Erschütterung« gesprochen und bemerkt, »dass der Emigrant in Deutschland wenig gilt«. Dass Thomas Mann nie in ein Deutschland zurückkehrte, sondern 1952 von den USA in die Schweiz umsiedelte, das nimmt dieses ruhig erzählte Meisterwerk gewissermaßen vorweg.

Meinung zum Thema

Kommentare

(Hallo Redaktion! Da sie meinen Kommentar von gestern noch nicht eingestellt haben, nehmen Sie bitte einfach diese Version, sie ist nur um eine Nuance verändert.)
Rein emotional und ganz spontan fühlt sich der Film-Betrachter/die Film-Betrachterin wohl mit Erika Mann (Sandra Hüller) am ehesten verbunden. Sie trauert tief empfunden um ihren Bruder Klaus, der sich das Leben nahm, zugleich ermahnt sie realistisch denkend ihren Vater, sich keinen Illusionen hinzugeben über seinen Einfluss auf die Weltpolitik. Denn die werde, speziell was Deutschland beträfe, von Amerikanern und Russen gemacht – nicht von einem Thomas Mann.
Der Schriftsteller selbst erscheint kalt (zumindest äußerlich), hat für den eigenen Sohn und dessen Schicksal kein Wort der Anteilnahme, hält seine Reden in Frankfurt und Weimar wie auswendig gelernt und kann im Grunde froh sein, dass ihm seine Tochter jederzeit hilfreich zur Seite steht – bzw. auch als Chauffeurin sicher den Wagen (einen „Buick“) steuert.
„Ich spiele nicht Thomas Mann und versuche ihn nicht lebensecht darzustellen, sondern ich eigne mir eine Haltung an, die sich Pawlikowski (Regie) und Henk Handloegten (Drehbuch) ausgedacht haben“, sagt Hans Zischler im Interview mit „NDR-Kultur“.
So kann man es natürlich machen, der Film „Vaterland“ soll ja eben gerade kein „Biopic“ sein und beansprucht – von diesem Verständnis ausgehend – künstlerische Freiheit. Und herausgekommen ist tatsächlich eine beeindruckende Darstellung der Verhältnisse im von Bomben-Zerstörung gezeichneten Nachkriegsdeutschland von 1949 – all dies in Schwarz-Weiß-Aufnahmen gedreht, die einen nahezu mitten hinein ins Geschehen versetzen.
Dass Erika Mann bei dieser Reise zu den Goethe-Feiern in Frankfurt (Westzone) und Weimar (Ostzone) gar nicht dabei war, scheint in solchem Zusammenhang unerheblich. Für die filmische Dramaturgie war es offenbar spannender, Thomas Mann lieber mit ihr auftreten zu lassen als mit Katia, seiner Frau, welche die Besuche damals tatsächlich mit ihm absolvierte. Auch sie äußerte sich nachträglich sehr kritisch zu den dabei erlebten Vorgängen und hätte es ebenfalls verdient gehabt, im Film zu erscheinen, aber das muss nicht unbedingt negativ gewertet werden.
Kritisch hinterfragt werden sollte indes, ob die „Haltung“, die Hans Zischler nach seinen eigenen Worten im Film spielt, auch wirklich der Haltung Thomas Manns entsprach? Möglicherweise ja nicht, wenn extra darauf hingewiesen werden muss. Auch das aber darf ein solcher Film – und verfährt legitim dabei – er will den Eindruck, eine Dokumentation zu sein, ja bewusst nicht erwecken, obgleich allein aufgrund der Aufnahme-Technik ein solcher Eindruck entstehen mag.
So sehr ich mich freue, dass Thomas Mann aktuell im Kino zu sehen ist, hätte ich doch gerne einmal auch den „anderen“ Mann gesehen, d.h. „denjenigen“ in seiner authentischen Rolle und Haltung. Nicht bei jedem Zuschauer ist schließlich vorauszusetzen, dass er kennt, was z.B. in seinen Tagebüchern oder Briefen aus jenen Tagen festgehalten ist über den „schwersten Chock“, den ihm der Suizid von Klaus bereitete, dass ihm „Katias Seufzen, Erikas Schmerz unsäglich zu Herzen geht“, die Familie aber dennoch gemeinsam beschließt, an den “Vortragsverpflichtungen“ festzuhalten, darüber hinaus aber „alle gesellschaftlichen Veranstaltungen abzusagen“. (22. Mai 1949)
Nicht weniger von Interesse könnte auch sein, dass Thomas Mann das Gedenken „zu meinem verstorbenen Sohn“ in besagte Goethe-Ansprache mit aufnahm und nicht etwa überging: „Ich komme zu Ihnen als ein armer leidender Mensch“. (Im Film leider ausgeblendet)
Keineswegs soll damit die Behauptung verbunden sein, Thomas Manns Verhältnis zu Klaus Mann wäre ein einfaches gewesen. Gewiss nicht – und dies von beiden Seiten aus. Zugleich wusste er, wie sehr gerade Erika diesen Bruder liebte, kaum zu vergleichen mit Michael oder Golo Mann – ebenfalls ihre Brüder. Insofern denke ich, wird „Vaterland“ der Persönlichkeit Erika Manns am meisten gerecht und empfand ich es vor diesem Hintergrund als schöne und sehr gelungene Schlussszene, wie sie ihren Vater auf der Rückreise von Weimar in eine Kirche führt – fast nur noch eine niedergebrannte Ruine – wo sie beide bei Orgelmusik, die ein Organist gerade probt, gemeinsam trauern und sich an den Händen fassen.
Was darüber hinaus zu sagen wäre, ist, dass sich Thomas Mann in der Goethe-Rede ausdrücklich zurücknimmt, sich gerade keine großen Illusionen macht (wie in einer entsprechenden Filmszene von Erika zuvor befürchtet), vielmehr betont, als Schriftsteller weder „Prophet noch Bußprediger“ sein zu können, noch es überhaupt zu wollen. Er sagt es bei dieser Gelegenheit zwar nicht offen, ist sich aber im Klaren darüber, im begonnenen „Kalten Krieg“ von der westlichen Seite in die Nähe eines kommunistischen Propagandisten Moskauer Prägung gerückt zu werden, während ihn die östliche Seite als Symbol des ihrigen Lagers herauszustreichen sucht. Weder von den einen noch den anderen aber ließ er sich vereinnahmen – das wird schließlich auch in „Vaterland“ sichtbar.
Allerdings unterscheidet sich seine damals in Deutschland gehaltene Rede doch recht stark von dem wenige Wochen zuvor in England gehaltenen Vortrag über „Goethe und die Demokratie“. Dort war nicht einfach ein Loblied auf den vor 200 Jahren auf die Welt gekommenen Goethe geboten worden, sondern ging es tiefergehend um eine kritische Bilanzierung, unter anderem auch des Goetheschen Deutschland-Bildes („nationale Überheblichkeit und Aneiferung der Deutschen in diesem Sinn“), dem Thomas Mann z.B. das demokratischere Verständnis Friedrich Hölderlins – dem ihm nicht nur in dieser Hinsicht wahrscheinlich näher stehenden Lyriker und Philosophen – entgegenhielt. Eigentlich sprach hier in Oxford m.E. auch viel eher der „wahre“ Thomas Mann, dies entsprechend einem ähnlichen Gehalt, wie er das bereits in seinem Goethe-Roman von 1939 („Lotte in Weimar“) zum Ausdruck gebracht hatte, in welchem er den „Dichterfürsten“ – wenngleich nicht stürzte – so doch ein ganzes Stück weit vom Sockel holte.
Und eine Kritik an seiner Frankfurt-Weimar-Rede in dieser Art zu üben, also inhaltlich pointiert, wäre auch Erika vielleicht angemessener, ja zukommender gewesen als sie – wie im Film – nur auf „drei Relativsätze hintereinander“ hinweisen zu lassen, um dem Vater gegenüber deren durch sie erfolgte Streichung zu begründen.
Dennoch: Bei allen möglichen Einwänden und „Fußnoten-Verweisen“ meinerseits ein unbedingt sehenswerter Film – hoffentlich nicht der letzte seiner Art, den das Publikum zu sehen bekommt!

Es lohnt unbedingt, diesen Film anzusehen. Die schauspielerische Leistung der beiden Hauptdarsteller ist ein unvergessliches Erlebnis, die ruhige Passage der Schwarz-Weißbilder tut wohl und der Kontrast zwischen der melancholischen Stimmung der Akteure und der aufgekratzten Schlagermusik dieser Epoche spiegelt die weit verbreitete innere Zerrissenheit dieser Zeit wieder.
Mich hat in keiner Weise gestört, dass sich der Regisseur teilweise nicht an historische Abläufe gehalten hat. Es hat mich im Gegenteil an diesem Film besonders interessiert, wie ein polnischer Regisseur die Figur eines Thomas Mann interpretiert bzw um welche Aussage es ihm in dem Film eigentlich geht. Wie er den weltbekannten deutschen Schriftsteller zeigt, wirkt Thomas Mann wie sein eigenes Denkmal, weltfremd und abgehoben, pathetisch von seiner bleibenden Bedeutung überzeugt, etwas verächtlich und bar jeder Empathie - im Grunde fast ein wenig lächerlich wie jemand, der von Geschehen seiner eigenen Zeit wenig mitbekommen hat.
Wer die Biographie von Thomas Mann kennt, weiß, dass es entsprechende Kritik an ihm in jungen Jahren gab, bevor er zum Kritiker der Naziregimes wurde. Ein polnischer Regisseur hat bestimmte Gründe, den unsterblichen deutschen Literaturpapst so darzustellen, als ob diese Wandlung nie stattgefunden hätte. Aus polnischer Perspektive mag Thomas Mann vielleicht nicht deutlich genug Stellung zu den Vorgängen in den polnischen KZ bezogen und keine öffentliche Empathie gezeigt haben. Jedenfalls wird dieser Film damit vielleicht eher zu einer Aussage über das polnisch-deutsche Verhältnis nach dem Krieg und schließt so an den Konflikt zwischen Thomas Mann und seinem Bruder Heinrich an.
Man muss Thomas Manns persönliches Verhältnis zu Deutschland ( Wo ich bin, ist Deutschland ) ebenso wie seine hochspirituelle Weltanschauung kennen, um ermessen zu können, welche Tat es bedeutete, nach dem Krieg ausdrücklich nicht in die eigene Heimat zurückzukehren. Es hieß nicht weniger, als dass es kein Deutschland mehr gibt. Manns Vorwurf hinsichtlich der Kollektivschuld der Deutschen verleiht im Zusammenhang mit diesem radikalen Urteil der wiederholten Beschimpfung als „Verräter“ zusätzliches Gewicht. Dieses Thema berührt der Film im Grunde nicht.

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