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(Hallo Redaktion! Da sie meinen Kommentar von gestern noch nicht eingestellt haben, nehmen Sie bitte einfach diese Version, sie ist nur um eine Nuance verändert.)
Rein emotional und ganz spontan fühlt sich der Film-Betrachter/die Film-Betrachterin wohl mit Erika Mann (Sandra Hüller) am ehesten verbunden. Sie trauert tief empfunden um ihren Bruder Klaus, der sich das Leben nahm, zugleich ermahnt sie realistisch denkend ihren Vater, sich keinen Illusionen hinzugeben über seinen Einfluss auf die Weltpolitik. Denn die werde, speziell was Deutschland beträfe, von Amerikanern und Russen gemacht – nicht von einem Thomas Mann.
Der Schriftsteller selbst erscheint kalt (zumindest äußerlich), hat für den eigenen Sohn und dessen Schicksal kein Wort der Anteilnahme, hält seine Reden in Frankfurt und Weimar wie auswendig gelernt und kann im Grunde froh sein, dass ihm seine Tochter jederzeit hilfreich zur Seite steht – bzw. auch als Chauffeurin sicher den Wagen (einen „Buick“) steuert.
„Ich spiele nicht Thomas Mann und versuche ihn nicht lebensecht darzustellen, sondern ich eigne mir eine Haltung an, die sich Pawlikowski (Regie) und Henk Handloegten (Drehbuch) ausgedacht haben“, sagt Hans Zischler im Interview mit „NDR-Kultur“.
So kann man es natürlich machen, der Film „Vaterland“ soll ja eben gerade kein „Biopic“ sein und beansprucht – von diesem Verständnis ausgehend – künstlerische Freiheit. Und herausgekommen ist tatsächlich eine beeindruckende Darstellung der Verhältnisse im von Bomben-Zerstörung gezeichneten Nachkriegsdeutschland von 1949 – all dies in Schwarz-Weiß-Aufnahmen gedreht, die einen nahezu mitten hinein ins Geschehen versetzen.
Dass Erika Mann bei dieser Reise zu den Goethe-Feiern in Frankfurt (Westzone) und Weimar (Ostzone) gar nicht dabei war, scheint in solchem Zusammenhang unerheblich. Für die filmische Dramaturgie war es offenbar spannender, Thomas Mann lieber mit ihr auftreten zu lassen als mit Katia, seiner Frau, welche die Besuche damals tatsächlich mit ihm absolvierte. Auch sie äußerte sich nachträglich sehr kritisch zu den dabei erlebten Vorgängen und hätte es ebenfalls verdient gehabt, im Film zu erscheinen, aber das muss nicht unbedingt negativ gewertet werden.
Kritisch hinterfragt werden sollte indes, ob die „Haltung“, die Hans Zischler nach seinen eigenen Worten im Film spielt, auch wirklich der Haltung Thomas Manns entsprach? Möglicherweise ja nicht, wenn extra darauf hingewiesen werden muss. Auch das aber darf ein solcher Film – und verfährt legitim dabei – er will den Eindruck, eine Dokumentation zu sein, ja bewusst nicht erwecken, obgleich allein aufgrund der Aufnahme-Technik ein solcher Eindruck entstehen mag.
So sehr ich mich freue, dass Thomas Mann aktuell im Kino zu sehen ist, hätte ich doch gerne einmal auch den „anderen“ Mann gesehen, d.h. „denjenigen“ in seiner authentischen Rolle und Haltung. Nicht bei jedem Zuschauer ist schließlich vorauszusetzen, dass er kennt, was z.B. in seinen Tagebüchern oder Briefen aus jenen Tagen festgehalten ist über den „schwersten Chock“, den ihm der Suizid von Klaus bereitete, dass ihm „Katias Seufzen, Erikas Schmerz unsäglich zu Herzen geht“, die Familie aber dennoch gemeinsam beschließt, an den “Vortragsverpflichtungen“ festzuhalten, darüber hinaus aber „alle gesellschaftlichen Veranstaltungen abzusagen“. (22. Mai 1949)
Nicht weniger von Interesse könnte auch sein, dass Thomas Mann das Gedenken „zu meinem verstorbenen Sohn“ in besagte Goethe-Ansprache mit aufnahm und nicht etwa überging: „Ich komme zu Ihnen als ein armer leidender Mensch“. (Im Film leider ausgeblendet)
Keineswegs soll damit die Behauptung verbunden sein, Thomas Manns Verhältnis zu Klaus Mann wäre ein einfaches gewesen. Gewiss nicht – und dies von beiden Seiten aus. Zugleich wusste er, wie sehr gerade Erika diesen Bruder liebte, kaum zu vergleichen mit Michael oder Golo Mann – ebenfalls ihre Brüder. Insofern denke ich, wird „Vaterland“ der Persönlichkeit Erika Manns am meisten gerecht und empfand ich es vor diesem Hintergrund als schöne und sehr gelungene Schlussszene, wie sie ihren Vater auf der Rückreise von Weimar in eine Kirche führt – fast nur noch eine niedergebrannte Ruine – wo sie beide bei Orgelmusik, die ein Organist gerade probt, gemeinsam trauern und sich an den Händen fassen.
Was darüber hinaus zu sagen wäre, ist, dass sich Thomas Mann in der Goethe-Rede ausdrücklich zurücknimmt, sich gerade keine großen Illusionen macht (wie in einer entsprechenden Filmszene von Erika zuvor befürchtet), vielmehr betont, als Schriftsteller weder „Prophet noch Bußprediger“ sein zu können, noch es überhaupt zu wollen. Er sagt es bei dieser Gelegenheit zwar nicht offen, ist sich aber im Klaren darüber, im begonnenen „Kalten Krieg“ von der westlichen Seite in die Nähe eines kommunistischen Propagandisten Moskauer Prägung gerückt zu werden, während ihn die östliche Seite als Symbol des ihrigen Lagers herauszustreichen sucht. Weder von den einen noch den anderen aber ließ er sich vereinnahmen – das wird schließlich auch in „Vaterland“ sichtbar.
Allerdings unterscheidet sich seine damals in Deutschland gehaltene Rede doch recht stark von dem wenige Wochen zuvor in England gehaltenen Vortrag über „Goethe und die Demokratie“. Dort war nicht einfach ein Loblied auf den vor 200 Jahren auf die Welt gekommenen Goethe geboten worden, sondern ging es tiefergehend um eine kritische Bilanzierung, unter anderem auch des Goetheschen Deutschland-Bildes („nationale Überheblichkeit und Aneiferung der Deutschen in diesem Sinn“), dem Thomas Mann z.B. das demokratischere Verständnis Friedrich Hölderlins – dem ihm nicht nur in dieser Hinsicht wahrscheinlich näher stehenden Lyriker und Philosophen – entgegenhielt. Eigentlich sprach hier in Oxford m.E. auch viel eher der „wahre“ Thomas Mann, dies entsprechend einem ähnlichen Gehalt, wie er das bereits in seinem Goethe-Roman von 1939 („Lotte in Weimar“) zum Ausdruck gebracht hatte, in welchem er den „Dichterfürsten“ – wenngleich nicht stürzte – so doch ein ganzes Stück weit vom Sockel holte.
Und eine Kritik an seiner Frankfurt-Weimar-Rede in dieser Art zu üben, also inhaltlich pointiert, wäre auch Erika vielleicht angemessener, ja zukommender gewesen als sie – wie im Film – nur auf „drei Relativsätze hintereinander“ hinweisen zu lassen, um dem Vater gegenüber deren durch sie erfolgte Streichung zu begründen.
Dennoch: Bei allen möglichen Einwänden und „Fußnoten-Verweisen“ meinerseits ein unbedingt sehenswerter Film – hoffentlich nicht der letzte seiner Art, den das Publikum zu sehen bekommt!

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