Wettbewerb: Wo die schönen Filme laufen

»God Exists, Her Name Is Petrunya« (2019). © sistersandbrothermitevski

Berlinale-Halbzeit. Eine Arbeitslose geht ins Wasser und erbeutet ein Kreuz. Diane Kruger spioniert in Teheran. »Mr. Jones« versucht, den Journalismus zu retten. Und ein Amerikaner erklärt, was in Amerika schiefläuft. Filme aus Mazedonien, Polen, Israel und den USA.

Als Dieter Kosslick den Ehrenpreis der Ökumenischen Jury für seine Festivalarbeit entgegennahm, brach es aus ihm heraus: »Das war ein schöner Film!« Und in seiner Begeisterung schickte er einen »Spoiler« hinterher: Er verriet das Ende des mazedonischen Wettbewerbsbeitrags vom Morgen. Ist aber kein Wunder, dass der ihm gefallen hat. »God Exists, Her Name Is Petrunya« von Teona Strugar Mitevska hat alles, was dem Festival in diesem Jahr auf der Seele liegt: Es geht um Frauenpower, Männergewalt, eine reformbedürftige Kirche, die dynamische Wechselbeziehung zwischen sozialem Elend und ideologisch-religiöser Verblendung.

Petrunya ist über Dreißig, lebt aber noch bei ihren Eltern in der Provinz. Einen Job hat sie nie gehabt – ihr Hochschulabschluss in Geschichte interessiert hier niemanden. Und weil sie übergewichtig ist, dreht sich kein Mann nach ihr um. Eines Tages gerät die deprimierte junge Frau in eine orthodoxe Zeremonie, offenbar eine lokale Tradition. Als Petrunya sich mit einer Horde johlender Kerle in einen eisigen Fluss wirft, um ein geweihtes Holzkreuz zu bergen, verursacht sie einen Skandal: SiegerINNEN sind in diesem eigenartigen Wettbewerb nicht vorgesehen. Getragen von seiner Hauptdarstellerin Zorica Nusheva und einem Drehbuch, das Petrunyas Kampf um Anerkennung nicht nur dramatisch, sondern auch komisch pointiert, führt »God Exists, Her Name Is Petrunya« auf schlüssige Weise vom Privaten ins Politische: anhand eines scheinbar absurden, aber signifikanten Konflikts.

Hochpolitisch und bedrückend wurde es natürlich doch. Die polnische Regisseurin Agnieszka Holland richtet in ihrem Wettbewerbsbeitrag »Mr. Jones« den Blick auf die Hungersnot in der Ukraine, die in den Jahren 1932 und '33 Millionen Leben forderte. Im Zentrum des Films steht der walisische Reporter Gareth Jones. Er war einer der ersten, die über die vom stalinistischen Regime mindestens in Kauf genommene Katastrophe berichteten, und inspirierte George Orwell zu seiner Erzählung »Farm der Tiere«. In einem über weite Strecken aufwändig-betulichen Historienkino-Stil folgt »Mr. Jones« dem Titelhelden von London über Moskau in die ukrainische Landschaft, wo die Körper der Verhungerten von der Kälte konserviert werden. Dass Jones keine unumstrittene Figur ist – seine berufliche Nähe zu den Nazis war den Zeitgenossen verdächtig –, die noch heute von nationalistischen Gruppen ideologisch leicht in Dienst genommen werden kann, ist dem Film keine Anmerkung wert. »Mr. Jones« lässt seinen Helden als makellosen Vertreter eines wahrhaftigen Ur-Journalismus erscheinen – das mag im Zeitalter der Fake-News tröstlich wirken, hat aber auch etwas Klischeehaftes.

Außer Konkurrenz lieferte die Politik dem Wettbewerb Star-Power zu. Yuval Adlers Romanverfilmung »The Operative« (Die Agentin) wirft Diane Kruger in eine Spionagestory: der Mossad gegen das iranische Atomprogamm. Krugers Figur reist als Agentin in Ausbildung nach Teheran, um eine Elektronikfirma zu infiltrieren. Und das Politische wird, mal umgekehrt, ganz schnell privat: Die angebliche Englischlehrerin verliebt sich in ihr Zielobjekt, einen aufgeklärten Unternehmer. »The Operative« ist die prominenteste unter elf israelischen Produktionen und Ko-Produktionen auf dem Festival. Benjamin Netanjahu dürfte der Film nicht so gut gefallen. Der Mossad kommt schlecht weg, und im Vergleich mit dem als farbig und widersprüchlich gezeichneten Iran bleibt »Israel« eine vage Idee: Als ob nicht klar wäre, was es da zu verteidigen gibt.

Zielstrebig geht dagegen Adam McKay in der Politsatire »Vice – Der zweite Mann« vor, die das US-Kino bei den Galas im Berlinale-Palast mit ihrer Starbesetzung und acht Oscarnominierungen einsam, aber würdevoll vertrat. »Vice« rechnet anhand der Karriere des Republikaners Dick Cheney (Christian Bale), der in den nuller Jahren eine erstaunliche Machtfülle im Amt des Vizepräsidenten akkumulierte, alles vor, was zum »System Trump« geführt hat; auf Cheneys Agenda standen etwa die Deregulierung der Wirtschaft und der »Krieg gegen den Terror«. Die Informationen, die über Cheney im Umlauf sind, habe man so gut es geht verifiziert, heißt es im Vorspann. Zugleich macht die Inszenierung durch ironische Abschweifungen und eingestreutes Dokumentarmaterial beständig klar, dass es sich hier um eine Konstruktion handelt: eine Deutung politischen Geschehens aus liberaler Perspektive. »Vice« lief außer Konkurrenz und startet in der nächsten Woche bei uns im Kino.

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