Ein stolzes Lebenswerk
Wenn es um ein weites Feld geht, etwa die Retrospektive einer Karriere oder einer Kinematographie, kommt es beim Schreiben oft vor, dass ich meine Lieblingsfilme partout nicht unterbringen kann. Ein interessantes Phänomen, das hoffentlich keine tiefere Bedeutung hat. Bei der Beschäftigung mit der DEFA beispielsweise ist mir bisher „Jahrgang 45“ von Jürgen Böttcher stets entwischt. Heute ist die perfekte Gelegenheit, dies Versäumnis nachzuholen, denn der Regisseur feiert seinen 95. Geburtstag.
Mit meiner Wertschätzung für den spät rehabilitierten Regalfilm stehe ich beileibe nicht allein. Böttchers Kollegin Helke Misselwitz findet ihn „einen der schönsten deutschen Spielfilme“ schlechthin. Sie hat das Programm des Abends kuratiert, mit dem die Berliner Akademie der Künste in zwei Tagen (Freitag, 10.7.) den stolzen halbrunden Geburtstag unter einem besonders schönen Motto feiern wird. (https://adk.de/programm/veranstaltungskalender/2026/07/soiree-fuer-strawalde/582355). Besagter Name benennt die zweite künstlerische Identität Böttchers als bildender Künstler. Das Pseudonym verweist auf die Stadt, in der er aufwuchs: Strahwalde. Also ein ähnliches Spiel mit dem „h“ wie bei Stendhal, nur eben umgekehrt.
Böttchers zweites Talent und seine rüstige Erscheinung haben mich an dieser Stelle bereits intensiv beschäftigt (https://www.epd-film.de/blogs/autorenblogs/2022/ein-mann-der-nicht-ankam-eine-frau-der-gefahrenzone-und-ein-regisseur-mit). „Jahrgang 45“, der am Freitag in der Akademie läuft,ragt in meinen Augen aus dem Korpus der DEFA-Produktionen gleich aus mehreren Gründen heraus. Stärker noch als die anderen Verbotsfilme des Jahrgangs 1965/66 hat er sich vom Elan und der stilistischen Freiheit der europäischen Aufbruchsbewegungen anstecken lassen, nicht nur im Osten, sondern explizit auch der Nouvelle Vague. Den gelegentlich angestellten Vergleich des Hauptdarstellers Rolf Römer mit Belmondo in „Außer Atem“ finde ich etwas hoch gegriffen – er ist eher so ein Benoit-Poelvoorde-Typ, und die Frauen sind ohnehin allesamt bezaubernder -, aber in Sachen Alltagspoesie steht Böttcher den Franzosen in nichts nach. Der Automechaniker Alfred, den man fast nie bei der Arbeit sieht, lässt sich ohne übermäßigen Ehrgeiz durchs Leben treiben, ein später, sanfter Halbstarker, der sich wohl „noch die Rente in Nietenhosen abholen“ wird. Im Grunde bereits ein Gammler, knapp vor May Spils und Werner Enke, und ein ausgemachter Verweigerungskünstler. Seine Dialoge sind wunderbar unentschlossen, auch die anderen Figuren sind nicht auf den Mund gefallen („Er hat so viel Spannkraft wie ein ausgeleierter Expander.“) „Jahrgang 45“ kommt meinem Phantasiegebilde eines unnützen, verantwortungslosen Films, den sich die DEFA sonst nie leistete, ziemlich nahe. Nun, geben durfte es ihn schließlich ja doch nicht, er wurde noch vor der Fertigstellung der Tonspur aussortiert. Der Vorwurf der Partei lautete „Heroisierung des Abseitigen“. Das Ganze fängt dann auch gleich mit einem entschiedenen „Nein“ an.
Die rekonstruierte Fassung ist in einer DVD-Ausgabe der unverzichtbaren „Edition Filmmuseum“ mit hervorragendem Bonusmaterial erschienen, darunter kurzen Dokumentarfilmen, die thematisch verwandt sind. (Derzeit ist sie auch im DEFA-Schwerpunkt von filmfriend.de zu sehen.) Die Edition Filmmuseum hat auch weitere dokumentarische Arbeiten Böttchers aus mehreren Jahrzehnten veröffentlicht. Zum Spielfilm kam er, nach dem ein Dokumentarfilm verboten worden war, die Zensurgeschichte ließ „Jahrgang 45“ bedauerlicherweise zu Böttchers einzigem Ausflug in diese Disziplin werden. Er hat ihn fabelhaft „ins Unreine“ gedreht; wie der Regisseur im Bonusmaterial erzählt: Sie dachten seinerzeit noch, wir üben erst einmal für die richtig großen Filme. Aber auch auf dem Sprung hat er schon etwas richtig Großes geschafft, denn nebenbei ist da auch eine zauberhafte comedy of remarriage herausgekommen. Monika Hildbrand ist wunderbar als Alfreds Ehefrau, die ihm genau die richtigen Vorhaltungen macht.
Im Bonusmaterial benutzt Böttcher eine Formulierung, die ich inzwischen schamlos abgekupfert habe: Er spricht von der „stadträumlichen Neugier“, die ihn beim Drehen antrieb. Er wollte das urbane Leben mit ungekannter Radikalität einfangen. So ist ihm einer der schönsten Berlinfilme überhaupt gelungen. Kamerablicke aus der Hochbahn zeigen meist menschenleere Straßen (dazu passt dieser Eintrag: https://www.epd-film.de/blogs/autorenblogs/2015/wer-sagt-denn-dass-anschluesse-immer-stimmen-muessen) und nach einer Stunde hat der noch in Trümmern liegende Gendarmenmarkt einen denkwürdigen Auftritt. „Verrückter Platz, irgendwie klassisch“ meinen Alfred und ein Kumpel, bevor unversehens ein Sightseeing-Bus aus dem Westen hält, dessen Passagiere sogleich die exotischen Ostler fotografiere; trotz blendendem Sonnenschein. Ein tolles Zeitdokument, überhaupt, ohnehin und sowieso.




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