Der stille Vollstrecker

Steven Mnuchin sieht aus, als könne er kein Wässerchen trüben. Auf den ersten, zweiten, dritten Blick wirkt er wie ein farbloser Bürokrat. Ich habe mir immer vorgestellt, er sei genau so wie die Figur, die er in „Regeln spielen keine Rolle“ verkörpert. Es ist nur ein Gastauftritt; ich glaube, er hat nicht einmal einen Dialogsatz.

Man sieht ihn kurz, wie er mit anderen Angestellten von Merrill Lynch auf ein Treffen mit Howard Hughes (Warren Beatty) wartet. Hughes lässt sie unverschämt lange warten, vielleicht als Strategie, aber wohl eher doch aus Exzentrik. Mnuchins Gesicht müssten Ungeduld und Ärger anzusehen sein. Aber man merkt, dass ihm der Mut fehlt, das Wort zu erheben.

Wann immer man den realen Mnuchin in den letzten vier Jahren vor Fernsehkameras sah, was angesichts seines Amtes bemerkenswert selten geschah, dann ergebend schweigend an der Seite seines Bosses. Ich glaube, in all der Zeit hat man nie die Stimme des Finanzministers der USA gehört. Heute ist sein letzter voller Amtstag. Abgesehen vom Vizepräsidenten und dem Handelsminister ist er das einzige Mitglied des Kabinetts von Donald Trump, das von Anfang an dabei war. Den Namen des anderen Ministers musste ich erst nachschlagen (Wilbur Ross), denn Notiz nahm man ja höchstens von den Kabinettsmitgliedern, die gefeuert wurden oder entsetzt zurücktraten. Mnuchin hatte wohl weder den Ehrgeiz zum einen wie zum anderen.Führte er eine Vorzimmerexistenz, wie in Beattys Film? Anders als diverse KollegInnen haben ihn auch nicht die Ereignisse der letzten Wochen nicht dazu bewegt, sich von Trump zu trennen. Das wäre noch ein Abgang mit Stil gewesen, um einen der Filmtitel zu zitieren, die Mnuchin mitproduziert hat.

Seine Filmographie umfasst 44 Titel und ist eindrucksvoll. Darunter sind enorme („Avatar“, „Sucide Squad“, „Wonder Woman“) und erstaunliche („American Sniper“) Hits, auch kapitale Enttäuschungen an der Kinokasse; „Regeln spielen keine Rolle“ war möglicherweise nicht einmal der schlimmste Flop in seinem Portfolio. Dass diese Filmographie 2004 mit „The Lego Movie“ anfängt, muss kein Omen gewesen sein. Als Ausführender Produzent war er an bemerkenswerten („Inherent Vice“, „Midnight Special“), interessanten („Sully“) und einigen großartigen („Edge of Tomorrow“, „Mad Max Fury Road“ beteiligt. Als er sich im Frühjahr 2016 aus dem „liberalen“ Hollywood verabschiedete, um sich ganz der stockenden Finanzierung von Trumps Wahlkampf zu widmen, weinte man ihm dort keine Träne nach, wie in den Branchenblättern und -seiten zu lesen war. Er sei nur ein money guy gewesen und fiel nicht durch Kreativität auf. Einige Filmleute fanden ihn anfangs „socially awkward“, dann habe er aber Geschmack am Hollywood-Lebensstil gefunden. Iel roman

Zuvor hatte er eine beeindruckende Karriere als Investmentbanker hingelegt. Sein Wikipedia-Eintrag vermittelt ein umfassendes Bild davon und beziffert sein Privatvermögen mit einer halben Milliarde Dollar. Ich weiß nicht, ob man Mut für dieses Metier braucht. Aber ihm werden riskante Manöver nachgesagt, die ihn bisweilen in Konflikt mit den Finanzbehörden brachten. Sie trugen ihm auch den Spitznamen „Mr. Zwangsversteigerung“ ein.

Trump kennt ihn schon aus New York, verklagte Mnuchin sogar einmal, als er bei Goldman Sachs angestellt war. Dass er zuvor auch Hillary Clinton unterstützt hatte, sah er ihm nach. Mit seiner Arbeit als Treasury Secretary (das klingt so ungleich romantischer als Finanzminister!) wird er sehr zufrieden gewesen sein. Bei seinem Amtsantritt versprach er massive Steuersenkungen für Unternehmen und schuf mannigfache Schlupflöcher. Seinen Spitznamen verdiente er sich in seiner Amtszeit erneut. Ob der scheidende Politiker wohl Stil und Anstand genug besitzt, morgen Joe Bidens Amtseinführung beizuwohnen? Es ist ein wenig egal. Vielleicht spielen in den nächsten vier Jahren Regeln wieder eine Rolle. 

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