Ein Dominoeffekt?

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Wer sich zu Wochenbeginn über das Einspielergebnis von »Deadpool 2« informieren wollte, stieß in der IMDb auf recht widersprüchliche Einschätzungen. Einige Analysten stellten fest, dass er Rekorde gebrochen hatte. Andere wiederum waren vom Gegenteil überzeugt und stellten sich die bange Frage, ob sein Startwochenende nicht ein Indiz für eine mögliche Marvel-Ermüdung sei. Sie alle operierten übrigens mit den selben Zahlen.

Mir scheinen solche Spekulationen ohnehin etwas müßig, wenn ein Film in zwei Minuten weltweit über 300 Millionen Dollar einspielt. Aber ich sehe, dass das in Fan-Kreisen eine gewisse Bedeutung besitzt. Gleichviel, als ich gestern las, der Film habe einen neuen Dienstags-Rekord aufgestellt, entschied ich mich endgültig, mir keine weiteren Sorgen über den Kontostand von 20th Century Fox zu machen, sondern mich einer Frage zuzuwenden, die relevantere Auswirkungen auf die Popkultur und Sitten haben könnte: Zazie Beetz' Achselhaaren. Für die Rolle der Mutantin Domino hat sich die Schauspielerin diese nämlich nicht abrasiert. Nun kann man natürlich einwenden, für Mutanten gelten andere Regeln. Aber da nicht einmal Gal Gadot als »Wonder Woman« so viel Courage bewiesen hat (wobei weibliche Achselbehaarung durchaus noch gepasst hätte zum historischen Hintergrund des Ersten Weltkriegs), darf man Beetz als eine Pionierin feiern.

Allerdings begeht sie eine eher beiläufige Normverletzung; nur ab und zu lässt sich ein kurzer Blick auf ihre Behaarung erhaschen. Sie muss also nicht unbedingt als ein nachdrückliches Statement (Free your armpit!) gewertet werden, sondern als eine persönliche Entscheidung, gegen die Regisseur und Studio offenbar keinen Einwand erhoben. Mehr muss es auch nicht sein, denn das entspricht der Nonchalance ihrer Figur, deren übernatürliche Kräfte vor allem darin bestehen, Dusel zu haben. Sie bringt eine sympathische Note in die moralisch flexible X Force hinein: Sie besitzt ausreichend genrekonforme Schlagkraft und ist um flotte Einzeiler nicht verlegen, kann für sich selbst einstehen und zugleich ironisch neben sich. Soweit ich es überblicke, gab es keinen wirklich epochalen Aufruhr im Netz über die verweigerte Achselrasur. Wer weiß, vielleicht befinden wir uns ja an einer kulturellen Wasserscheide?

Nach wie vor kratzt die weibliche Achselbehaarung an Tabus in Mode, Kino und Alltag. Sie stellt eine Natürlichkeit dar, die zivilisiert werden muss, gilt als unrein und Zeichen von Nachlässigkeit. Mithin ist sie seit rund einem Jahrhundert praktisch unsichtbar geworden. Ich vermute, diese Entwicklung wurde vorangetrieben durch die Körperbefreiung in der Bade- und Freizeitmode zwischen den Weltkriegen. Ferner scheint mir, sie sei im Hollywoodkino einhergegangen mit einer anderen Form von Rasur: Schauen Sie sich nur einmal die Augenbrauen der großen weiblichen Stars an, die nur noch feine Linien sein durften (Joan Crawford ist die einzige Ausnahme, die mir da auf Anhieb einfällt). Dieses Schönheitsideal, dem stets etwas Maskenhaftes innewohnte, hat sich glücklicherweise gewandelt.

Aber Hollywoodfilme mit achselbehaarten Darstellern sind immer noch dünn gesät. Unter den entsprechenden Stichworten (»unshaved armpits«, »female underarm hair«) finden sich in der IMDb nur wenige Ausnahmen und keines der Beispiele stammt aus diesem Jahrhundert. Madonna in »Susan – verzweifelt gesucht« wird hier erwähnt, ebenso wie Julia Roberts in »Notting Hill«, deren Auftritt auf einem Roten Teppich ein ziemlicher Skandal ist, da es sich bei Figur und Darstellerin um einen A-List-Star handelte. Allerdings ist dies auch um eine britische Co-Produktion. Im europäischen Kino scheint die Toleranz ein wenig größer. Da lassen sich etwa »Abend der Gaukler«,»Identifikation einer Frau« »Vorname: Carmen« anführen. Ferner taucht »Corellis Mandoline« auf, wo Penelope Cruz dieses sekundäre Geschlechtsmerkmal stolz zeigt. Wie es meist bei derlei Recherchen in der Movie Database der Fall ist, fehlt das interessanteste Beispiel: Carlos Sauras »Anna und die Wölfe« (der mir immer als ein inoffizielles Remake von »Tagebuch einer Kammerzofe« erschien, was hier aber nichts zur Sache tut), wo Geraldine Chaplin als Kindermädchen von einem der älteren Söhne des Hauses bedrängt wird, für den ihre Achselhaare einen erotischen Fetisch von hohen Graden darstellen.

In letzter Zeit ist mir gelegentlich aufgefallen, dass die weibliche Achselbehaarung ein kleines Comeback feiert, bei Alicia Vikander in »The Light between Oceans« etwa oder Cécile de France und Izia Higelin in »La belle saison – Eine Sommerliebe«. Im ersten Fall ist dieses Aufblitzen von Natürlichkeit durch den historischen Hintergrund (nach dem Ersten Weltkrieg) gedeckt, im zweiten durch das ländliche Milieu der frühen 1970er Jahre. In keinem der Beispiele ist dies den Filmen bloß unterlaufen (vermutlich mussten die Darsteller die Haare erst wachsen lassen), aber als Bekenntnis muss man es nicht lesen. Mit Domino verhält es sich anders. Sie erobert sich kühn eine kleine Insel im Meer des Aseptischen.

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