Kritik zu Deadpool 2

© 20th Century Fox

Nach der RomCom des ersten Teils nimmt Marvels »Deadpool« sich hier den Familienfilm vor: ein Genrecocktail mit schweren Nebenwirkungen

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Deadpool hat sich rund um die Welt gemordet und ist zurück auf heimischem Terrain, wo es dem nächsten Schurken an den Kragen gehen soll. Während er sich mit Samuraischwertern und Schusswaffen einen Weg durch Scharen komplett austauschbarer Handlanger des verabscheuungswürdigen, aber letztlich auch austauschbaren Gangsterbosses bahnt, verkündet er stolz, dass dies ein Familienfilm ist. Im nächsten Augenblick verrät er dem leicht konsternierten Publikum, dass alle großen Familienfilme mit einem bösartigen Mord beginnen. Beispiele hat der von Ryan Reynolds gespielte Narr des Todes mit »Bambi« und »König der Löwen« auch parat.

Eigentlich ist damit alles gesagt. Family Entertainment mit extrem hohem Body Count. Das klingt nach einem Widerspruch. Aber in der Welt der Marvel-Aficionados ist diese Mischung ein Erfolgsrezept. Schließlich hat ein ähnliches Konzept schon den ersten »Deadpool«-Film zu einem Hit gemacht. Damals haben der ständig mit dem Publikum redende Comic-Charakter und seine Schöpfer das Genre der Romantischen Komödie appropriiert und als großes, wild-romantisches Gemetzel für Comic-Nerds neuerfunden. Was lag also näher, als sich nun den Familienfilm à la Disney vorzunehmen. Im Sequel muss nun einmal alles größer als im Original sein. Folglich verliert Wade Wilson alias Deadpool gleich zu Beginn seine große Liebe. Fortan sucht er nach einer Familie und findet sie auch, als er beschließt, einen vor Wut brennenden jugendlichen Mutanten vor sich selbst zu retten.

»Deadpool 2« bedient die Franchise-Logik der permanenten Steigerung perfekt und verhebt sich letztlich doch an ihr. Ersteres geht vor allem auf das Konto von Regisseur David Leitch, der den Wunsch nach mehr Action routiniert erfüllt. Vor allem der Showdown, der mehrere Kämpfe parallel führt und nebenbei ein melodramatisches Ausrufezeichen setzt, beweist, was mit mehr Geld und mehr Helden möglich ist. Aber das war angesichts der Auftritte von Josh Brolins düster brütendem Cable und Zazie Beetz' vom »Glück« verfolgter Domino auch zu erwarten. Die beiden eher nüchternen Mutanten setzen die richtigen Kontrapunkte zu Reynolds' überdrehten Comedy-Nummern.

Das Sequel muss indes nicht nur spektakulärer sein. Auch der Spagat zwischen Zynismus und Sentimentalität muss extremere Formen annehmen. Einerseits ist in »Deadpool 2« alles ein Witz, die Gewalt wie die Konventionen des Superheldengenres. Selbst die absurden Tode seiner kurzzeitigen X-Force-Mitstreiter werden als blutige Slapstickeinlagen zelebriert. Auf der anderen Seite nehmen Leitch und sein Autorenteam das nur scheinbar amoralische Treiben des rotgewandeten Clowns todernst. Einmal versuchen sich Reynolds und Leitch sogar an einer Sterbeszene wie aus einer Belcanto-Oper. Nur lässt sich Rührung nicht erzwingen, und so macht sich ausgerechnet auf dem emotionalen Höhepunkt des Films eine Kälte breit, die zynischer ist als alle Sprüche und Morde Deadpools.

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