Kritik zu La belle saison – Eine Sommerliebe

© Alamode

Catherine Corsini, Spezialistin für wunderbar besetzte Beziehungsfilme (»Die neue Eva«, »Eine Affäre«), erzählt ein Melodram um Mut und Risikobereitschaft, das zwischen einem frauenbewegten Paris und der bäuerlichen Provinz schillert

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Hier in Paris habe sie das Gefühl, schreibt Delphine einem Jugendfreund, in einer Woche so viel zu erleben wie sonst in drei Monaten. Der Bauerntochter aus dem Limousin eröffnet sich in der Großstadt eine aufregende, reizvolle Welt. Durch einen glücklichen Zufall ist sie zu einer Gruppe von Frauenrechtlerinnen gestoßen, deren sinnenfrohe Radikalität sie begeistert. Daheim war für Delphines Furchtlosigkeit kein Platz.

Catherine Corsinis Film beginnt im Sommer 1971, einer Epoche, in der Präsident Pompidou mustergültigen Familien noch alljährlich einen Orden verleiht, um die vom Zeitgeist bedrohte Institution zu stärken. Auch Delphine (Izïa Higelin) spürt, dass dies nurmehr ein Rückzugsgefecht ist. Sie fühlt sich zu Frauen hingezogen, das tat sie schon zu Hause, aber in diesem Klima kann sie ihre Gefühle endlich offen ausleben. Sie verliebt sich in Carole (Cécile de France), eine ihrer neuen Freundinnen, die eigentlich in einer heterosexuellen Beziehung lebt, deren Welt aber nun unwiderruflich aus den Angeln gehoben wird. Corsini erzählt dieses geglückte Coming-out in der Umkehrung der Konventionen: Bei ihr ist es die arglose Provinzlerin, die die raffinierte Pariserin verführt und sie entschlossen lehrt, ihren Körper ganz anders zu entdecken.

Das Zeitkolorit streift Corsini in den Paris-Passagen nur. Das frauenbewegte Engagement ihrer Heldinnen besitzt Elan, bleibt inhaltlich aber schlagworthaft. Die Regisseurin ist Romantikerin, keine Soziologin. Endgültig zu sich kommt ihr Film erst, als Delphine auf den elterlichen Bauernhof zurückkehrt, nachdem ihr Vater einen Schlaganfall erlitten hat. Jeanne Lapoiries Kamera beschwört die bukolische Idylle des Zentralmassivs, versenkt sich lustvoll in den Arbeitsalltag, bei dem Delphine ihrer Mutter Monique (Noémie Lvovsky) tatkräftig zur Seite steht. Die Rückkehr zur Scholle ist ja gerade ein großes Komödienthema in Frankreich. Aber Corsini, die selbst in dieser Region aufgewachsen ist, entwirft ein nicht nur affirmatives Bild bäuerlichen Lebens. In der Weite der Landschaft nistet Enge. Delphines Einsatz kollidiert mit patriarchalischen, ausbeuterischen Strukturen. Als Carole ihr nachreist, muss ihre Liebe verschwiegen bleiben.

Nach einer Frist des heimlichen Glücks entdeckt Monique erschüttert, was ihre Tochter für die Fremde aus der Großstadt empfindet und vertreibt diese vom Hof. Nun bricht der Konflikt, der in Delphine schwelte, mit aller Heftigkeit aus. Sie muss sich zwischen den zwei Identitäten, zwischen denen sie zerrissen ist, entscheiden. Für ein Melodram ist dieses Opfer eine nachgerade originelle Wendung. Corsini inszeniert dies mit zärtlicher Empathie. »Wie groß waren die Chancen, dass wir uns begegnen«, plädiert Carole für ihre Liebe, »eins zu einer Million?« Das Drehbuch findet für diese Zerreißprobe keine einfache Lösung, zumal Lvovskys charismatische Darstellung auch die Mutter ins Recht setzt. Darin scheint ein sacht konservativer Zug auf, von dem der Film sich am Ende mit einiger Gelassenheit zu distanzieren vermag. Der deutsche Titel »Eine Sommerliebe« greift hier zu kurz.

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