Das Leben – ein Schwindel

»Der Prinz und der Dybbuk« (2017). © Salzgeber

Die Geschichte Hollywoods beginnt in einem jüdischen Schtetl in Mittel- oder Osteuropa. Daher stammen die Gründungsväter der Filmmetropole, die Zukors, Mayers, Goldwyns und Warner Brothers; nur Carl Laemmle bildete eine Ausnahme, er wurde in Laupheim geboren. Sie kamen in die Neue Welt und da es ihnen nicht an beredsamem Geschäftssinn fehlte, hatten sie dort ziemlich bald Erfolg, zunächst in traditionellen Gewerben wie der Bekleidungsindustrie oder dem Schrotthandel.

Aber dann, und dafür muss man sie einfach bewundern, versuchten sie ihr Glück mit einem ganz neuen, unerprobten Medium. Sie waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Vor allem jedoch besaßen sie die Gabe, sich selbst neu zu erfinden. Michael Waszynski gehörte zwar nicht dieser ersten Generation an, aber er teilte mit ihr Herkunft, Ehrgeiz und Fähigkeiten. Er träumte davon, seine Vergangenheit abzuschütteln und Hollywood in Europa Konkurrenz zu machen, zunächst in Polen, dann Italien und schließlich Spanien. In dieser Woche ist »Der Prinz und der Dybbuk« angelaufen, in dem Elwira Niewiera und Piotr Rosolowski diesem melancholischen Hochstapler ein facettenreiches Denkmal setzen.

Sie versuchen, ein unlösbares Rätsel zu ergründen, denn Waszynski muss ein Betrüger und Charmeur von höchsten Graden gewesen sein. Sein elegantes, nobles Auftreten blendete jeden, der dafür empfänglich war. Natürlich hieß er nicht so. Er entstammte auch keinem polnischen Adelsgeschlecht, sondern wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Er behauptete, Murnaus Assistent bei »Nosferatu« und »Phantom« gewesen zu sein, was zwar prächtig auf seinen berühmten »Dybbuk« vorausweist, sich aber leider nicht verifizieren lässt. Zu dieser Zeit, Anfang der 1920er, wechselte er seinen Nachnamen, konvertierte zum Katholizismus und versuchte, alle Spuren seiner jüdischen Abstammung zu verwischen. Wenige Jahre später avancierte er zum erfolgreichsten Filmemacher Polens: Bei jedem vierten Film, der im Jahrzehnt vor Beginn des Zweiten Weltkriegs entstand, führte er Regie. (Er sei bekannt für seine Melodramen und »schnell hingeworfenen Komödien«, wie eine Wochenschau kurios formuliert.) Als Soldat in der 8. Polnischen Armee nahm er im Exil an Feldzügen teil, die ihn von der Sowjetunion über den Nahen Osten bis nach Italien führten. Er filmte die Schlacht um Monte Cassino und blieb nach der Befreiung in Italien, wo er noch drei Filme inszenierte, einen in Co-Regie mit Vittorio Cottafavi.

Durch seine Heirat mit der verwitweten Gräfin Dolores Tarantini gelangte der homosexuelle Waszynski (zu dessen Legende freilich auch eine lang andauernde Affäre mit Lucille Ball gehört) nicht nur an ein stattliches Vermögen und eine große Sammlung von Kunstwerken aus der Renaissance. Sie verschaffte ihm mondäne Legitimität. Dank seiner nun glänzenden Verbindungen wurde er bald zu einer zentralen Figur in Hollywood am Tiber. Er wirkte mit an Errol Flynns gescheitertem Regiedebüt über Wilhelm Tell und war Tyrone Powers Trauzeuge, als der im Forum Romanum Linda Christian heiratete. Waszynski leitete angeblich die Second Unit bei Orson Welles' »Othello« (und rühmte sich später, einen Gutteil des Films inszeniert zu haben), war wohl für die Besetzung von »Quo Vadis«, »Ein Herz und eine Krone« und »Alexander der Große« zuständig und fungierte nachweislich als Associate Producer bei zwei Filmen von Joseph L. Mankiewicz, »Die barfüßige Gräfin« (der gewiss auch von seiner intimen Kenntnis des Milieus der italienischen Aristokratie profitierte und in dem er kurz als Kartenspieler im roten Pulli auf der Yacht zu sehen ist) und »Der stille Amerikaner«. Ende der 1950er traf er den Produzenten Sam Bronston, der in Franco-Spanien ein eigenes Studio aufbaute, um Epen wie »König der Könige« und »El Cid« zu drehen.

»Der Prinz und der Dybbuk« verzichtet auf einen Off-Kommentar (zitiert allerdings sporadisch aus Waszynskis Tagebüchern), sondern erzählt dessen Biographie im Spiegel seiner Filme. Die Maskerade ist ein Leitmotiv, das die Regisseure klug durch buchstabieren. So mundgerecht serviert, bekommt man Lust auf eine Retro. Atemberaubend, was sie an Wochenschau- und Spielfilmausschnitten zusammengetragen und assoziationsreich montiert haben! Der Erzählgestus ist eher essayistisch als dokumentarisch. Das Regiegespann verzichtet auf die sonst obligatorischen Zeugnisse von Filmhistorikern oder weiterer Experten, mit Ausnahme eines Graphologen, der feststellt, dass sich Waszynskis Handschrift zwischen Beginn der 40er und Ende der 50er Jahre radikal verändert und der ihm bescheinigt, ein Opfer seiner eigenen Phantasie geworden zu sein. Zu deren Opfern gehören auch zahlreiche Weggefährten aus Rom, die ihn zweifelsfrei für einen Aristokraten und für katholischer als den Papst (noch so eine Figur, die dem eigenen Leben mit einem anderen Namen eine neue Richtung gibt!) hielten. Auch einige Überlebende aus seinem Geburtsort Kowel in der heutigen Ukraine kommen zu Wort, die sich nicht mehr an den Spurenverwischer erinnern, aber lebhaft vom jüdischen Leben der Vorkriegszeit berichten. Der Film hat einen schönen, liebevollen Blick auf diese oft rüstigen Greise, die rätseln über die Schemen und Schatten, in denen sich diese Biographie offenbart.

Rudolf Worschech schreibt im aktuellen Heft über »Der Prinz und der Dybbuk«. In seiner Kritik ist viel über den Anspielungsreichtum zu erfahren, den Waszynskis Dämonenfilm »Der Dybbuk« für sein Leben und die jüdische Kultur entfaltet. (Er beeindruckte übrigens Joseph Goebbels sehr, auf dessen Geheiß sich Veit Harlan ihn zur Vorbereitung von »Jud Süss« anschaute). Der Essayfilm vermittelt weit mehr als nur Kinogeschichte. Er ist ein Kaddisch auf einen Fremden. Zugleich unternimmt er die archäologische Erkundung einer Welt, die in Pogromen und der Shoah untergegangen ist. Dies Motiv wiederum schlägt sich in den Monumentalfilmen nieder, an denen Waszynski beteiligt war. »Quo Vadis«, »El Cid«, »König der Könige«, »55 Tage in Peking«, »Der Untergang des Römischen Reiches« sowie »Held der Arena« beschreiben den Niedergang von Imperien. Michal Waszinski hat auch in der Realität federführend zum Untergang eines Reiches beigetragen. Aber davon erzähle ich Ihnen beim nächsten Mal.

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