Nachher

»Tao Jie – Ein einfaches Leben« (2011). © Fugu Films

Gibt es eigentlich Heimatfilme aus Hongkong? Ich bin mir da nicht sicher. Vielleicht ist es nicht der Ort dafür. Immerhin erscheint die Stadt oft unwirtlich, hat einen ungewissen Status. Die Filme handeln häufig von dem Preis, den die Einwohner für die Auswüchse der Moderne und des Kapitalismus' zahlen. Und schrieb nicht Serge Daney nach einer Asienreise, Hongkong gehöre nicht sich selbst?

Gewiss, es gibt bestimmte Motive, zu denen das Kino immer wieder zurückkehrt: die Wohnsilos von Kowloon; die Star Ferry, die zwischen Kowloon und Hongkong Island pendelt; den Ausblick vom Victoria Peak auf das Wolkenkratzermeer gegenüber und schließlich den Hafen mit seinen pittoresken Dschunken (heute nicht mehr so oft, den gibt es praktisch ja nicht mehr). Dieses filmische Insistieren könnte für eine sentimentale Bindung an vertraute Orte sprechen. Andererseits ist die Stadt ja ein Fluchtpunkt. Zwar heißt es in Peter Chans »Comrades«, nur 20 Prozent der Einwohner stammten aus der Volksrepublik, aber im Kino scheint ihr Anteil ungleich höher zu sein. Da geht es eher um die Unmöglichkeit, an den Geburtsort im Mainland heimzukehren. Aus der Perspektive Honkongs ist es keine entgrenzte Welt, die nach der Rückgabe entstanden wäre. Geschichten der Migration, das Schicksal illegal eingereister Festlandchinesen, für die sich die Glücksverheißung der Metropole nicht erfüllt, sind ein zentrales Motiv. »Woher stammst Du?« ist unweigerlich die erste Frage, wenn sich Fremde in Hongkong-Filmen vom Beginn des Jahrtausends begegnen.

Auch in der Realität dürfte sich der Prozentsatz erhöht haben, seitdem man nun zu einer chinesischen Sonderverwaltungszone geworden ist. Selbstverständlich ist das Handover zu einem Filmthema geworden, besonders eindrücklich im 2. Teil der »Infernal Affairs«-Trilogie, der von erschlichenen bzw. verleugneten Identitäten handelt. Die Übergabe bildet auch (sehr früh: bereits 1998) den Hintergrund für Stanley Kwans »Hold you tight«. Kwans Film läuft im Rahmen der Reihe »Creative Visions«, mit der das Berliner Arsenal vom 14. Juli an den Jahrestag dieser Zeitenwende begeht. Die Reihe umfasst zehn Filme, die zwischen 1997 und 2016 in Hongkong entstanden sind. Der älteste ist »Made in Hongkong«, den ich gestern als trotzigen Schwanengesang beschrieb. Die Schlussszene auf dem Friedhof, zu der bedrohlich ein Mao-Zitat aus dem Off erklingt, schien in diesem verzweifelt gegenwärtigen Film anzukündigen, dass Hongkong und Festlandchina wohl eher misstrauische Nachbarn als glückliche Wiedervereinigte bleiben würden. Nun wird man ihn vielleicht unter anderen Vorzeichen betrachten können, als selbstbewusste Aufbruchsgeste. Der Reihentitel klingt schließlich nach unverdrossener Kreativität und Zuversicht.

Die Stimmung, die mir Ann Hui 2002 während eines Interviews auf der Berlinale schilderte, war noch ganz anders. »Es herrscht eine bedrückende Atmosphäre«, sagte sie damals. »Viele Leute fühlen sich mutlos und gelähmt. Der Lebensrhythmus in Hong Kong ist eigentlich sehr schnell und aggressiv. Aber heutzutage kommen mir die Einwohner erschöpft und müde vor. Sobald man jedoch über die Grenze kommt, sehen die Menschen gleich viel gesünder aus!« Sie fuhr fort: »Wir stecken in einer schizophrenen Situation. Viele demokratisch und progressive orientierte Leute halten an den alten britischen Werten und Ideologien fest, die im neuen China aber längst irrelevant geworden sind. Die Intellektuellen und das Kino, auch die Filmwirtschaft suchen eine neue Richtung.« Ihre Hoffnung richtete sie auf eine nachwachsende Generation, die ganz von vorn anfangen könne und kein koloniales Erbe mehr mit sich herumtragen müsse. Hui selbst war seither fleißig, hat in den letzten 20 Jahren 14 Filme gedreht, von denen im Arsenal u.a. »Ordinary Heroes« läuft: ein hübsch programmatischer Titel für diese Komplizin tapferer Alltagshelden.

Seinerzeit stand die Produktion der Volksrepublik im Vergleich zu Hongkong noch auf keiner soliden industriellen Basis. Gerade einmal 80 Filme wurden im Mutterland im Jahr 2000, bei rückläufigen Zuschauerzahlen, produziert. Dieses Verhältnis hat sich seither radikal verändert (siehe meinen Eintrag »Freihandel« vom 18. Januar), auch in Sachen Aufmerksamkeitsökonomie ist Hongkong seither etwas ins Hintertreffen geraten. Gewiss, zum Stand der Dinge im Genrekino kamen immer mal wieder gute Nachrichten, vor allem Dank Johnnie To (der in Zürich mit dem magistralen »The Mission« und in Berlin mit dem klug atmosphärischen »PTU« vertreten ist). Überhaupt hat das Kino die Chance und das Mandat, eine spannungsvolle Epoche zu reflektieren. Vielleicht kann es sogar als Unruhestifter fungieren (siehe meinen Eintrag »Schirmherrschaft« vom 14. Oktober 2014), denn die Bewohner Hongkongs haben allen Grund, dem Autonomieversprechen Pekings skeptisch gegenüber zu stehen. Da finden Heimatgefühle wenig Nährboden. Nicht von ungefähr zeigt Ann Hui in »A Simple Life«/ »Ein einfaches Leben« (einer der wenigen Filme, die bei uns tatsächlich herauskamen, wenn auch mit drei Jahren Verspätung) eine Großfamilie, die Hongkong verlässt. 

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