Weltoffen

Jacques-Alain Bénisti, der Bürgermeister des Pariser Vorortes Villiers-sur-Marne, besitzt eine Fähigkeit, um die ihn manche meiner Kollegen beneiden werden, denn sie erspart Zeit und Mühen: Er ist in der Lage, einen Film zu beurteilen, ohne ihn gesehen zu haben. In seinem Amt ist er es natürlich gewohnt, Entscheidungen auf Grundlage von Informationen zu treffen, die ihm sein Mitarbeiterstab zuträgt. Solches Expertenwissen ohne eigene Anschauung kennt man durchaus von der politischen Klasse; gern bricht es sich Bahn, wenn einem Film der Ruf vorauseilt, er könne das sittliche Empfinden ihrer Wählerschaft verletzen.

Im Falle Bénestis verhält es sich etwas anders. Er sprach ein ausdrückliches Lob aus: Timbuktu sei ein guter Film. Leider sähe er sich jedoch gezwungen, verkündete der UMP-Politiker am gestrigen Freitag, ihn aus dem Programm des örtlichen Kinos zu nehmen, weil die Gefahr bestünde, er könne als "Apologie des Terrorismus" missverstanden werden. Jeder, der Abderrahmane Sissakos Film gesehen hat weiß, dass genau das Gegenteil der Fall ist. In Frankreich haben ihn bereits 600000 Zuschauern gesehen, ohne Schaden zu nehmen. Er wird sogar in Schulen vorgeführt. Ich finde es ohnehin befremdlich, dass ein französischer Bürgermeister einen Film absetzen kann. Seine gestern in "Le Monde" und "Libération" veröffentlichten Äußerungen erwecken den Eindruck, das Kino gehöre ihm persönlich. Allerdings liegen in in Bénestis Wahlkreis die Nerven auch blank, da Hayat Boumeddiene aus Villiers-sur-Marne stammt, die Gefährtin von Amedy Coulibaly, der in der letzten Woche den Anschlag auf den koscheren Supermarkt in Paris verübte.

So oder so ist die Affäre für den Bürgermeister höchst blamabel. Augenblicklich schlug ihm am Freitag eine Welle von Protesten entgegen, sodass er seine Entscheidung umgehend zurücknahm und gelobte, sich Timbuktu am Wochenende gemeinsam mit seiner Entourage anzuschauen. Wir wollen nur hoffen, dass er sich der hohen Meinung würdig erweist, die Bénesti von ihm hat.

Timbuktu geht für Mauretanien, ein Land, in dem es eigentlich keine Filmindustrie gibt, ins Rennen um den Oscar für den Besten Ausländischen Film. Vermutlich hat er keine schlechten Chancen, wenngleich Ida, Wild Tales und Leviathan starke Konkurrenten sind. Letzterer übrigens stößt in seiner russischen Heimat auf wenig Begeisterung. Der Kulturminister, dessen Behörde ihn mitfinanziert hat, mag sich partout nicht darüber freuen, dass er gerade als erster russischer Film seit 45 Jahren einen Golden Globe erhielt. Er warf ihm ein Übermaß an "existenzieller Verzweiflung" vor und beschuldigte ihn, "unrussisch" zu sein. Die politischen Repräsentanten der Region, in der er gedreht wurde, fühlen sich durch ihn ebenfalls schlecht vertreten, da er die Bevölkerung als notorisch trunksüchtig darstelle. Auch hier stellt sich die Frage, ob die meinungsstarken Würdenträger ihn gesehen haben, denn er hatte nur einen Alibistart in einem einzigen Kino in St. Petersburg, um sich für den Oscar zu qualifizieren.

Überhaupt löste die Bekanntgabe der Nominierungen heftige patriotische Reflexe aus. In Großbritannien, wo zuvor Artikel mit auftrumpfenden Überschriften wie "Diese britischen Darsteller werden die Awards Season dominieren" erschienen waren, empört man sich bitter darüber, dass Timothy Spall in der Rolle des Malers William Turner und David Oyelowo, der in Oxford geborene Darsteller des Martin Luther King in Selma schnöde übergangen wurden. In Deutschland hingegen findet man einigen Grund zur Genugtuung: Wim Wenders' Das Salz der Erde ist in der Sparte Bester Dokumentarfilm nominiert, ebenso wie Citizenfour, Laura Poitras' Film über Edward Snowden, der mit deutscher Beteiligung realisiert wurde und in den USA womöglich nie entstanden wäre. Gern wird bei solchen Gelegenheit auch daran erinnert, dass Hans Zimmer, der Komponist von Interstellar, gebürtiger Hesse ist. Die "Welt" überschrieb ihre Nominierungsberichterstattung bang frohlockend mit der Frage: "Wo würde das Grand Budapest Hotel ohne unsere Filmförderung stehen?" Na, eben irgendwo anders, kann man darauf nur antworten. Zwar gilt er offiziell als eine amerikanisch-britisch-deutsche Co-Produktion. Aber was außer Fördergeldern, Infrastruktur und Drehorten ist an ihm deutsch? Ohne das handwerkliche Geschick, das in Babelsberg zweifellos herrscht, kleinreden zu wollen: Die überschäumende Kreativität des Films stammt von anderswo.

Der europäische Förderungsdschungel führt ohnehin zu kuriosen nationalen Zuschreibungen: Song of the Sea, der in der Kategorie Animationsfilm nominiert ist, figuriert als Co-Produktion zwischen Irland, Dänemark, Belgien, Luxemburg und Frankreich. In dieser Sparte könnte es spannend werden, zumal die amerikanische Konkurrenz etwas schwach aufgestellt ist. Ich mochte Tomm Moores Brendan und das Geheimnis von Kells, aber es ist gut möglich, dass Isao Takahatas Die Legende der Prinzessin Kaguya als Sieger hervorgeht; schon aus Wehmut, da dies wohl die letzte Produktion der Ghibli-Studios ist.

Die nationale Zugehörigkeit ist eine Frage, die mich im Zusammenhang mit Oscar-Nominierungen schon seit ewigen Zeiten beschäftigt. Wie sieht da das Reglement aus? Gibt es überhaupt eines? Es passiert schließlich immer wieder, dass Einzelleistungen in nicht-englischsprachigen Filmen nominiert oder gar preisgekrönt werden. In der Sparte Bestes Drehbuch beispielsweise wurden in der Nachkriegszeit ungemein viele europäische Filme nominiert, vor allem aus Italien, Frankreich und Schweden (Ingmar Bergman). Sophia Loren gewann die Trophäe als Beste Hauptrdarstellerin in ...und dennoch leben sie und Marion Cotillard als Edith Piaf. Sie ist nun für Zwei Tage, eine Nacht nominiert. Den hätte man eher in der Kategorie des Besten Auslandsfilms verortet. Ein Rätsel, aber vielleicht kein reizvolles. Ich vermute, es gibt keine festen Regeln, an die sich die aktuell zu 94 % weißen, zu 76 % männlichen und zu 63 % über sechzigjährigen Akademiemitglieder halten müssen? Sondern nur ein Gewirr von Sprachbarrieren, Ignoranz, sporadischer Entdeckerfreude und sentimentaler Vereinnahmung.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt