Ein Jahrmarktsvergnügen

Vier Minuten vergehen schnell im Fernsehen. Jede Werbeunterbrechung dauert länger. Einer Programmzeitschrift, die auf sich hält, wäre eine so kurze Sendung wohl keinen Hinweis wert. Aber die Zuschauer des österreichischen Kultursenders ORF III haben heute (9.7.) Abend die Gelegenheit, einer Sternstunde beizuwohnen, die 4 Minuten und 16 Sekunden dauert: Als Vorprogramm zu „Der blaue Engel“ wird ein Fragment aus Josef von Sternbergs letztem Stummfilm „The Case of Lena Smith“ ausgestrahlt. Das Melodram über den Kampf einer unverheirateten Mutter um das Sorgerecht für ihren geliebten Sohn gilt als verschollen. Dem japanischen Filmhistoriker Hiroshi Komatso fiel 2003 jedoch bei einem Antiquitätenhändler in der Mandschurei eine kleine Filmrolle in die Hände, die einen Ausschnitt der ersten Prater-Sequenz enthielt.

Vier Jahre später führte das Österreichische Filmmuseum die Szene im Rahmen einer Sternberg-Retrospektive erstmals vor. Die heutige Ausstrahlung ist Teil eines Programms, das zur Feier des 50. Jubiläums dieser formidablen Institution auf dem Kultursender läuft und Filme versammelt, die für deren Geschichte und Selbstverständnis wichtig sind (darunter Werke von Dziga Vertov, Antonio Pietrangeli, Valie Export und Kurt Kren). Die kleine Szene ist eine Perle. Sie zeigt das bunte Treiben im mittsommerlichen Prater, ein Jahrmarktsvergnügen der vorletzten Jahrhundertwende. Karrussels und Schaukeln versetzen die Schaulustigen in einen Taumel, ein Zauberkünstler und eine Frau ohne Unterleib bringen sie zum Staunen. In diesem vergnügten Gewirr treffen sich die Blicke einer jungen Frau vom Land und eines schneidigen Offiziers, der ihr nach einem kurzen Flirt - er bringt ihren Luftballon mit seiner Zigarette zum Platzen - durch die Menschenmengen folgt. Kaum hat das Spiel der Verführung begonnen, ist das Fragment auch schon vorbei.

Was davor und danach geschieht, ist in einem Buch zu erfahren, das Alexander Horwath und Michael Omasta 2007 aus Anlass der Sternberg-Retro herausgegeben haben (FilmmuseumSynemaPublikationen, 20 €). Auf 300 Seiten unternehmen sie den Versuch, den verlorenen Film anhand von Szenenfotos, Drehbuchauszügen, Entwürfen von Szenenbildern, noch erhaltenen Zwischentiteln und zeitgenössischen Kritiken zu rekonstruieren. Die Entstehungsgeschichte wird vom ersten Story-Entwurf Geschichte über verschiedene Drehbuchfassungen bis zu Budgetkalkulationen rekapituliert: Lebendiges, spannendes Quellenstudium! Als Autoren wurden ausgewiesene Kenner der Stummfilmära wie Janet Bergstrom und Gero Gandert gewonnen; Hiroshi Komatso wirft einen genauen Blick auf seinen Fund und entdeckt in ihm Einflüsse des europäischen Avantgardekinos der 20er. Die Essays verbinden historische Nüchternheit mit cinéphiler Verve. In seiner Einleitung überblendet Alex Horwath den Film mit den Kindheitserinnerungen in Sternbergs Autobiographie (Das Blau des Engels), die sich vor allem mit dem Leben in den Straßen Wiens und im Prater verbinden. „Die Unterhaltungsindustrie übt hier für eine große Zukunft“ schreibt er und weist darauf hin, dass Sternberg die Handlung nach 1895 verlegte, ins Geburtsjahr des Kinos. Über Sternbergs Werk hinaus stellt das Buch soziale, historische und kulturelle Zusammenhänge (namentlich zu Schnitzlers Novelle „Leutnant Gustl“) her und schildert die Rezeptionsgeschichte des Films, die vom Aufkommen des Tonfilms überschattet wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ Paramount die letzten Kopien zerstören; der spätere Filmemacher Curtis Harrington ist wohl der Letzte, der Sternbergs Film noch zu Gesicht bekam. Beim Lesen dieser vorzüglichen Publikation glaubt man zuweilen, ihn vor Augen zu haben.

 

 

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