Netflix: »Athena«

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2022
Original-Titel: 
Athena
Heimkinostart: 
23.09.2022
L: 
97 Min
FSK: 
Ohne Angabe
Rebellion in der Banlieue

Gäbe es einen Preis für die beste Einstiegssequenz in einem Film, dann wäre »Athena« ohne Frage der große Abräumer. Die ersten zwanzig Minuten des neuen Films von Romain Gavras sind jedenfalls die wohl eindrucksvollsten, die es seit langem zu sehen gab.

Alles beginnt mit Protesten vor einer Polizeiwache unweit der fiktiven Banlieue-Siedlung Athena außerhalb von Paris. Ein 13-Jähriger – wie fast alle Bewohner*innen des in jeder Hinsicht vernachlässigten Wohnprojekts hat er einen Migrationshintergrund – wurde von Polizisten zu Tode geprügelt. Von der Tat existiert ein Video. Die aufgebrachten Anwohner*innen fordern lautstark, dass die Täter öffentlich genannt und zur Rechenschaft gezogen werden. Abdel (Dali Benssalah), der ältere Bruder des Toten und als mit militärischen Ehren bedachter Soldat eine Respektsperson in Athena, gibt die Stimme der Vernunft und ruft zur Besonnenheit auf. Doch mit dieser Haltung steht er eher allein da, auch in der eigenen Familie. Sein jüngerer Bruder Karim (Sami Slimane) etwa hat eine Menge aufgebrachter junger Menschen um sich geschart, die nun trotz Abdels Warnungen Molotowcocktails in die Menge werfen, die Polizeistation plündern und dann mit Motorrädern und Wanne in die Siedlung zurückkehren, die sie einnehmen und aufrüsten zu einer wahren Festung.

Gavras, in dessen Filmografie sich nicht zufällig zahllose Musikvideos finden, und sein Kameramann Matias Boucard (»Eiffel in Love«) filmen das als brutalen, aber geradezu euphorischen Siegeszug, voll ungebremster Energie und als Plansequenz, vermeintlich ohne erkennbaren Schnitt. Man kann gar nicht anders, als sich atemlos mitreißen zu lassen und zu fragen, wie zum Teufel das wohl gedreht worden ist. Doch dass sich der Rest des Films an diesem ersten Fünftel messen lassen muss und nur verlieren kann, zeigt sich ziemlich schnell.

Nicht dass »Athena« unbedingt die Puste ausgehen würde. Mangelndes Tempo ist nicht das Problem des Films, der neben Karim, der in seiner Wut und Aggression bis zum Äußersten gehen will, und Abdel, der weiter auf Deeskalation setzt, zusätzlichen Protagonisten (das Maskulinum ist hier bewusst gewählt, denn Frauen kommen so gut wie nicht vor) folgt. Mit Mokhtar (Ouassini Embarek) gibt es noch einen weiteren Bruder, der als drogendealender Gangster eher darauf aus ist, mitsamt seiner Ware rechtzeitig aus der Siedlung herauszukommen. Dann ist da noch der von Beginn an als Softie gekennzeichnete Polizist Jérôme (Anthony Bajon), der beim Versuch seiner Einheit, Athena einzunehmen, als Geisel genommen wird. Ach, und ein nach seiner Haftstrafe abgetauchter Terrorist namens Sébastien (Alexis Manenti) befindet sich ebenfalls in der Siedlung.

Die Actionszenen sind konsequent gelungen inszeniert, das Setting (gedreht wurde in einer teilweise für den Abriss vorgesehenen Wohnanlage) ist bemerkenswert, und vor allem Newcomer Sami Slimane als Karim erweist sich als charismatischer Darsteller. Doch mit seinem unbedingten Willen, die Geschichte zur griechischen Tragödie unter Brüdern aufzuplustern, stellt sich Gavras selbst ein Bein. Zu konstruiert wirkt die Familienkonstellation und das Verhalten der Figuren oft unglaubwürdig. Auch das vor Machismo triefende Pathos, zu dem die aufdringliche Musik von Surkin entscheidend beiträgt, steht im unguten Gegensatz zur bitteren Realität, die »Athena« abbilden will. Über die sozialen und politischen Zustände im modernen Frankreich erzählt der Film – anders als noch »Die Wütenden – Les Misérables« von Ladj Ly (der hier am Drehbuch mitschrieb) – letztlich eigentlich nichts. Und so fühlt sich der Anfang dann doch bloß an wie ein spektakuläres Versprechen, das leider nie wirklich eingelöst wird.

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