Netflix: »Maid«

»Maid« (Miniserie, 2021). © Ricardo Hubbs / Netflix

© Ricardo Hubbs / Netflix

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Man hätte nicht vermutet, dass Andie MacDowell ausgerechnet dann, wenn sie zum ersten Mal gemeinsam mit ihrer Tochter Margaret Qualley vor der Kamera steht, die Mutter in einer dysfunktionalen Mutter-Tochter Beziehung darstellt. Ihre Paula ist ein Freigeist, von vergangenen Hippietagen beseelt, Künstlerin ohne Erfolg und ständig von falschen Männern umgeben. Ihr aktueller Lover tut so, als sei er Australier, das soll aber nicht die einzige Lüge bleiben. Als ihre Tochter Alex vor den Wutausbrüchen ihres trinkenden Mannes flieht, kann sie von der Mutter kaum Unterstützung erwarten. Denn deren durchaus liebevolle Art endet stets im Chaos. Und so muss sie einen Job finden, der sich mit der Betreuung ihrer dreijährigen Tochter Maddy vereinbaren lässt. Sie heuert bei einer Gebäudereinigungsagentur an, die sie in die Häuser der wohlhabenden Mittelschicht führt.

»Maid« geht seine Problemstellungen direkt und schnörkellos an. Die häusliche Gewalt, die Alex und Maddy erfahren, verursacht keine blauen Flecke – wenn die Whiskygläser fliegen, bleiben Narben der Angst auf der Seele. Dass dies nicht weniger schlimm ist, zeigt die Serie sehr eindrücklich. Das Umfeld, auf das sich Alex eben nicht verlassen kann, ist ein ebenso gewaltvoller Vater, den ihre Mutter verließ, als Alex so alt war wie ihre Tochter Maddy. Die Erinnerungen an die Taten sind diffus, die Angst aber ist als klare Emotion geblieben. Um allein zurechtzukommen, ist sie darauf angewiesen, auf einer Ebene zu arbeiten, auf der Respekt nicht zum Lohn gehört. Ohne jedes Mitleid mit ihrer Ausnahmesituation zeigt ihr die Chefin, dass es Dutzende Menschen gibt, die ihren Job jederzeit machen würden. Und auch in den Häusern, die sie gewissenhaft reinigt, findet sie statt Dank allenfalls ein abfälliges Lächeln. Bis sie die deprimierte, schwerreiche schwarze Anwältin Regina kennenlernt und sich dem Schreiben widmet.

Die Serie basiert auf den Erinnerungen der amerikanischen Autorin Stephanie Land, »Maid: Hard Work, Low Pay, and a Mother's Will to Survive«. Sie wuchs wohlbehütet in der Mittelschicht auf und rutschte doch in die Armut ab. Die Gründe dafür sind vielfältig, ein schwerer Unfall und eine posttraumatische Belastungsstörung spielen eine Rolle, aber dass sie sich durch das autofiktionale Schreiben rettete, ist mehr als ein Wunder. In der Serie werden diese Eckpunkte nie auserzählt, er gibt nur Andeutungen, eindeutige Schuldzuweisungen werden vermieden. So endet der Sorgerechtskampf mit dem Ex schließlich in einer vernünftigen Lösung, der Krach mit ihrer Chefin wird nachvollziehbar beigelegt, während die Landschaft der Nordwestküste der USA sich von ihrer überwältigenden Seite zeigt. »Maid« ist konventionell erzählt, nur vor Gericht, als Alex nichts mehr versteht, ertönen aus dem Mund der Richterin einmal lediglich die Worte »legal, legal, legal«. Bestechend sind die beiden Darstellerinnen Andie MacDowell und Margaret Qualley, vor allem aber der unsentimentale Ton, dank dem es der Serie gelingt, emotional zu berühren, ohne Peinlichkeiten hervorzurufen.

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