Buch-Tipp: UFA international

Politik und Ökonomie

Ist über die UFA, den größten deutschen Filmkonzern, nicht schon alles gesagt? 1992, zum 75-jährigen Jubiläum, erschienen mit Klaus Kreimeiers Monografie »Die UFA-Story« und dem von Hans-Michael Bock und Michael Töteberg herausgegebenen Sammelband »Das Ufa-Buch« gleich zwei umfangreiche Standardwerke. Zahlreiche Einzeluntersuchungen folgten und 2017, zum Hundertjährigen, weitere Publikationen. Der jetzt erschienene Sammelband »UFA international« verspricht »einen Überblick auf dem heutigen Stand der Forschung« durch »Beiträge zu Personen, Ländern und Strukturen« – also nicht noch einmal zu den Klassikern der deutschen Filmgeschichte. Dabei können die Autoren zurückgreifen auf die in den letzten Jahren erfolgte Digitalisierung von Archiv- und Bibliotheksbeständen. 

In vielen der 23 Beiträge – gegliedert in acht Abschnitte – geht es um die Ausrichtung nach außen, so um Vertrieb und Auswertung der UFA-Spielfilme in unterschiedlichen Märkten wie Lateinamerika oder Polen, oder aber um Wechselbeziehungen zu anderen Ländern: ausländische Regisseure in Deutschland (Alfred Hitchcock), deutsche Regisseure im Exil (Ludwig Berger). Ein Abschnitt ist Kultur- und Werbefilmen gewidmet, ein anderer den Beziehungen zur US-amerikanischen Filmindustrie. Der letzte Abschnitt ist der UFAnach 1945 vorbehalten, mit den sogenannten Überläufer-Filmen, die vor 1945 gedreht, aber erst nach Kriegsende aufgeführt wurden, oder aber dem Verhältnis der Deutschen Bank zur UFA in den Jahren vor deren Zusammenbruch 1962. Durchgängig zieht sich der Widerspruch zwischen dem Primat der Politik und dem der Ökonomie durch die Beiträge. So erfahren wir, dass es im besetzten Belgien zwar nur eine marginale einheimische Filmproduktion gab, jedoch sehr viele Kinos und eine hohe Nachfrage seitens des Publikums, die allein mit deutschen Filmen, auch älteren, nicht befriedigt werden konnte. Die dort populären französischen Filme zu verbieten, hätte das Publikum dazu verleiten können, gar nicht mehr ins Kino zu gehen. Das wiederum wäre in wirtschaftlicher Hinsicht ein Desaster gewesen, da die Einnahmen von einigen der größten und profitabelsten belgischen Kinos unmittelbar der Besatzungsmacht zugutekamen. Auch waren Propagandafilme, in denen sich deutsche Minderheiten gegen ausländische Besatzer auflehnten, nicht unbedingt exportierbar, hätte das Publikum in den besetzten Ländern doch Parallelen zur eigenen Situation ziehen können.

Ein faktenreicher und gut lesbarer Band, der viele neue Perspektiven eröffnet.

 

Philipp Stiasny, Jürgen Kasten, Frederik Lang (Hg.): UFA international. Ein deutscher Filmkonzern mit globalen Ambitionen. edition text + kritik, München 2021. 454 S., 39 €.

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