Streaming-Tipp: »Wolfwalkers«

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Hinreißender Tagtraum

Die Einwohner von Kilkenny haben panische Angst vor Wölfen und vor dem nahen Wald, in dem die Biester hausen. Nur Robyn, die Tochter eines englischen Wolfsjägers, würde ihren Vater bei seiner Aufgabe zu gern begleiten. Doch der Vater, der unter der Fuchtel des englischen Lordprotektors der Stadt steht, will seine Tochter beschützen. Als Robyn auf eigene Faust die Wachen an der Stadtmauer austrickst und in den Wald schleicht, wird sie, versehentlich, von einem Wolf gebissen. So begegnet sie dem wilden Mädchen Mebh, eine der letzten Angehörigen des Volkes der »Wolfwalker«. Mebh ist eine Gestaltwandlerin, die, mal Mensch, mal Tier, über das Wolfsrudel gebietet. Sehnsüchtig wartet sie auf die Rückkehr ihrer verschollenen Mutter Moll, die heilerische Kräfte hat. Bald entdeckt auch Robyn, dass, sobald sie einschläft, ihre zweite Natur erwacht. Als Wolfsavatar streift sie frei und wild durch Stadt und Wald, gerät jedoch schnell zwischen die Fronten.

Mit dem diktatorischen Lordprotektor ist der Puritaner Oliver Cromwell gemeint, dessen Wüten in Irland unvergessen ist. Dieser historische Hintergrund – im Filmjahr 1650 hatte Kilkenny vor Cromwells Armee kapituliert – ist zwar stets präsent, wird aber metaphorisch verfremdet. Mit seiner naturmystischen Lesart ähnelt der Zeichentrickfilm dem japanischen Ghibli-Klassiker »Prinzessin Mononoke«. Tatsächlich wird das Studio Cartoon Saloon auch das »irische Ghibli« genannt. Für ihre zauberhafte Werwolfsfabel ließ sich das Kreativduo Tomm Moore und Ross Stewart nach den oscarnominierten Zeichentrickmärchen »Brendan und das Geheimnis von Kells« und »Melodie des Meeres« erneut von keltisch-heidnischer Überlieferung inspirieren.

Zwar ist die Selbstermächtigungsrhetorik, in der ungezähmte Weiblichkeit mit organisch-chaotischer Wildnis kurzgeschlossen wird und gemauert-rationale Ordnung mit toxischer Männlichkeit, ein wenig aufdringlich. Andererseits ist es ein wirklich starkes Bild, wenn Mädchen mit Wölfen heulen. Hinreißend ist erneut der facettenreiche Zeichenstil. Erscheint der Wald von außen als monethafte Schichtung hellgrüner und rötlicher Wasserfarbenflecke, so löst er sich, je tiefer Robyn ins Reich der Wolfwalker vordringt, in Lichtreflexe aus keltischen Mustern auf. In anderen Panoramen erinnert die flächig-gestrichelte Darstellung und Staffelung der Räume an frühmittelalterliche Buchmalereien und Wandteppiche. Obwohl man an die perfekt simulierte perspektivische Tiefe der allgegenwärtigen 3-D-Animationsfilme gewöhnt ist, wirkt diese vermeintlich primitivere Darstellung so eingängig und natürlich wie Kinderzeichnungen.

Trotz seiner ästhetischen Originalität ist dieses Zeichentrickmärchen vorrangig ein Film für Kinder. Actionszenen, in denen Wölfe über die nächtlichen Dächer hetzen, stehen neben herzzerreißenden Gefühlen zwischen Kindern, Tieren, Freunden und Eltern, in denen Urängste zum Ausdruck kommen. Doch auch Große werden in die »immersive« Erfahrung eines Tagtraums, die der Film in seinen besten Momenten vermittelt, hineingezogen.

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