Streaming-Tipp: »Stateless«

»Stateless« (Miniserie, 2020). © Netflix

»Stateless« (Miniserie, 2020). © Netflix

Gestrandet

»Ac-Cent-Tchu-Ate the Positive«, singt Cate Blanchett gleich in den ersten Momenten der sechsteiligen aus­tralischen Serie »Stateless« aus dem Off. Reduziere die Trübsal auf ein Minimum und halte dich am Positiven fest, predigt der einst von Bing Crosby gesungene und für den Film »Here Come the Waves« Oscar-nominierte Song. Doch dass genau das den Protagonisten hier schwerfallen wird, daran lässt schon das erste Bild einer jungen Frau, die panisch und verzweifelt durch die Wüste rennt, kaum einen Zweifel.

Besagte Frau ist Sofie (Yvonne Strahovs­ki, Serena Joy aus »Handmaid’s Tale«), australische Flugbegleiterin mit deutschen Wurzeln, auf der Flucht aus einer Art Selbstfindungssekte, die sie unter anderem von ihrer Familie entfremdet hat. Sie landet schließlich – weil ohne Papiere und mental nicht in der besten Verfassung – in einem Auffang- und Abschiebehaftlager für Geflüchtete. Diese trostlose Einrichtung im Niemandsland der südaustralischen Ödnis, in der manche Menschen Jahre darauf warten, dass ihre Asylanträge überhaupt bearbeitet werden, ist das Zentrum der Serie.

Hier landet auch der Afghane Ameer (Fayssal Bazzi), der unter Mühen per Boot nach Australien gekommen ist und dabei von seiner Familie getrennt wurde. Hier heuert Automechaniker und Familienvater Cam (Jai Courtenay) als Wachmann an, aller Vorbehalte nicht zuletzt seiner sich für die Rechte der Geflüchteten einsetzenden Schwester zum Trotz. Und hierhin wird schließlich Claire Kowitz (Asher Keddie) versetzt, Bürokratin aus der Hauptstadt, die das Lager als Managerin leiten und vor allem die schwelenden Konflikte und negativen Schlagzeilen in den Griff bekommen soll.

An Blanchetts Küchentisch hatte die hier in einer kleinen Nebenrolle als Sektenführerin präsente und ansonsten als Schöpferin und Produzentin verantwortliche Oscar-Gewinnerin und Jugendfreundin Elise McCredie – ihres Zeichens Drehbuchautorin – die Idee zu »Stateless«. Die Themen Einwanderung und der Umgang mit Geflüchteten beherrschen die australische Politik seit Jahren wie wenig andere, allein 2019 kamen laut UN-Bericht auf 25 Millionen Einwohner acht Millionen Migranten. Dass die Serie allerdings nicht heute, sondern 2004 spielt, hat einen Grund: Nicht zuletzt, um mediale Aufmerksamkeit weitestgehend zu unterbinden, befinden sich Lager wie das hier gezeigte heutzutage nicht mehr auf dem Festland, sondern auf Tausenden von Kilometern entfernten Inseln.

Der Ansatz, nun fiktional von diesem gleichermaßen tragischen wie kontroversen Thema zu erzählen, geht in »Stateless« bemerkenswert gut auf. Die Aufteilung der Perspektive auf vier unterschiedliche Pro­tagonisten hilft dabei, der Komplexität der Sache zumindest einigermaßen Herr zu werden, was allerdings nicht heißt, dass die Serie nicht Haltung bezieht. Dass die hier gezeigten (und mutmaßlich sich nicht auf Australien beschränkenden) Zustände kaum im Sinne der Menschenrechtserklärung sein dürften, wird unmissverständlich klar. Gleichzeitig funktioniert die Serie – dank geschickt gewählter Figuren und einem hervorragenden Cast (selbst der sonst mäßig aufregende Courtenay überzeugt!) – nicht bloß als Lehrstück, sondern auch als ebenso packende wie bewegende Unterhaltung.

Stärke und Schwachpunkt gleichermaßen ist dabei die Figur der Sofie. Basierend auf dem echten Fall der gebürtigen Deutschen Cornelia Rau ist ihre Geschichte für sich genommen die serientauglichste, weil ungewöhnlichste. Gleichzeitig nimmt sie, auch weil sie sich größtenteils über Rückblenden erschließt, so viel Raum ein, dass die Schicksale der Geflüchteten gegenüber dieser weißen Australierin mitunter zu kurz zu kommen drohen. Der Dringlichkeit und Spannung von »Stateless« tut das letztlich allerdings kaum Abbruch, schließlich wird hier gerade nicht, wie eingangs gefordert, das Positive akzentuiert, sondern eines der drängenden Themen unserer Zeit verhandelt.

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